„Sie als Arzt lassen den Diabetes nach Feierabend bei der Arbeit, wir nehmen ihn mit nach Hause und müssen 24/7 damit leben und umgehen.“

Mit diesem Zitat einer Mutter eines betroffenen Kindes möchte ich meinen Beitrag einleiten, denn es begleitet mich schon seit geraumer Zeit und spiegelt einen häufig unterschätzten Faktor im Umgang mit dem Diabetes mellitus wider. Patient*innen mit Diabetes mellitus benötigen verschiedene Aspekte für die alltägliche Therapieumsetzung: umfangreiches Therapiewissen, ausreichend kognitive Fähigkeiten, Vertrauen in ihre Behandler*innen, Erfolge in der Therapie, eine innere Prioritätensetzung (die Therapie muss als wichtig empfunden werden) sowie ausreichend Kraft, Ausdauer und Frustrationstoleranz.

Frau Dipl.-Psych. I. Laß reißt dieses Thema in ihrem Beitrag „Wie viel Psychologie braucht die Diabetologie?“ kurz an, indem sie aufzeigt, wie viel Zeit die Patient*innen im Jahr durchschnittlich bei ihrem zuständigen Diabetesteam verbringen. Dabei spricht sie von 3h/Jahr ambulanter Behandlung, 12h/Jahr ambulanter/stationärer Schulung und 8739h/Jahr eigenverantwortlicher Behandlung. Das bedeutet einerseits, dass die Verantwortung für ihre Therapie fast ausschließlich bei den Patient*innen liegt, andererseits aber auch, dass die Behandler*innen nicht viel Zeit haben, ihren Klient*innen die so essentiellen Schulungen bezüglich der Erkrankung und ihrer Behandlung näher zu bringen. Wenn dies dennoch erfolgt ist, bleibt weiterhin eine entscheidende Komponente, an der die Therapiemotivation hängt – psychosoziale Aspekte. Frau Dr. A. Benecke ergänzt diese Aussage in ihrem Folgevortrag mit der Aussage, einen Großteil dieser psychischen Komorbiditäten würden Depressionen, Akzeptanzproblematiken (F54), aber auch Angst- sowie Essstörungen ausmachen. Sie betont in ihrem Redebeitrag die zunehmende Bedeutung der psychodiabetologischen Behandlung, zu der sie mit Hilfe einer spezialisierten Psychologischen Psychotherapieausbildung an ihrer Institutsambulanz in Mainz wesentlich beiträgt. Erste gruppentherapeutische Maßnahmen zur Erstversorgung vieler Patient*innen haben bereits positive Effekte auf die allgemeine und diabetesbezogene Stressbelastung sowie die Zufriedenheit der Betroffenen hervorgebracht. Diese Maßnahmen beinhalten unter anderem Themen wie Stress und Entspannung, kognitive Beeinflussung des Diabetes, Achtsamkeit, Ressourcenorientierung oder Genusstraining. In der anschließenden Diskussion mit allen Anwesenden wird deutlich, dass dieser Bedarf an psychologischer Begleitung in der diabetologischen Praxis deutlich spürbar, entsprechendes Fachpersonal jedoch nur sehr schwer zu finden ist. Viele Ärzt*innen haben keinen spezialisierten Psychologen oder Psychotherapeuten „zur Hand“ und wünschen sich eine solche Kooperation im Praxisalltag.

Insgesamt wird hervorgehoben, dass die Zusammenarbeit zwischen Diabetologen und spezialisierten Psychologen bzw. Psychotherapeuten als gut und gewinnbringend für die Patient*innen eingeschätzt wird. Dies kostet zwar viel Zeit, Energie sowie Disziplin und die Wartezeiten auf eine entsprechende Behandlung sind weiterhin sehr hoch (1 bis 2 Jahre), die Patient*innen bringen jedoch sehr viel Dankbarkeit entgegen. In ihren einleitenden Worten hebt Frau Laß dies positiv hervor, die Verknüpfung zwischen diesen beiden Fachbereichen habe in den letzten Jahren zugenommen. Die Diabetesbehandlung sei klientenzentrierter geworden, was zu einer zunehmenden Bedeutung der psychologischen Betreuung führe. Jetzt steht die Frage im Raum, wie man dieses Tätigkeitsfeld für Fachpersonal und vor allem für den Nachwuchs attraktiver gestalten kann.

Saskia Fischer

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