Reden wir mal über Endokrine Disruptoren

Wir wissen alle nur zu gut, dass sich die Prävalenz für Typ-2-Diabetes (T2D) in den letzten Jahrzehnten verzehnfacht hat und dass unsere Ernährungsweise und das dauerhafte Rumgesitze nicht gerade von Vorteil sind. Worüber aber kaum gesprochen wird, sind die vielen weiteren Faktoren in unserem alltäglichen Leben, die kumulativ doch eine ziemlich große Rolle spielen können. Im Jahr 2015 wurde das erste Mal notiert, dass die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt und zwei Drittel der Menschen mit Typ-2-Diabetes in städtischen Regionen wohnhaft sind. Eine Ansammlung von Menschen hat nicht nur einen Einfluss auf die Umwelt, sondern andersrum genauso.

Professor Dr. med. Wolfgang Rathmann arbeitet im Leibniz-Zentrum für Diabetes-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ist Leiter der Arbeitsgruppe für Biometrie und Epidemiologie. Ihn und sein Team beschäftigen die Auswirkungen der Umwelt auf die Gesundheit und vor allem spezifisch auf die Entwicklung eines Diabetes. Warum beschäftigt er sich mit diesem Thema? In den letzten Jahrzehnten hat er sich viel mit deskriptiver Epidemiologie beschäftigt und festgestellt, dass Umwelteinflüsse, wie Luftschadstoffe, Lärm und Chemikalien, die wir in der Industrie für alltägliche Produkte einsetzen und die uns eigentlich das Leben einfacher machen sollen, viel mehr ins Visier genommen werden müssen.

Oft sind diese Umweltstoffe in nur geringen Mengen in Produkten, die wir konsumieren. Aber bekanntlich macht ja die Dosis das Gift und wir sind Gewohnheitstiere. Dadurch erfahren wir eine chronische Exposition, die manche von uns lange durch, sagen wir gute Gene, kompensieren können, manche aber werden schneller Opfer einer Dekompensation, die dann zu Adipositas, Insulinresistenz, Dyslipidämie und Prädiabetes beziehungsweise T2D führen kann. Und das sind nur wenige Beispiele an Erkrankungen, die auftreten können. In Bezug auf die Diabetesentwicklung ist wichtig zu wissen, dass die meisten Umweltfaktoren nicht direkt auf die β-Zellen der Bauchspeicheldrüse wirken. Sie haben viel mehr einen indirekten Einfluss, in dem sie über die Leber, das Fettgewebe, die Muskeln und auch zum Beispiel das Darmmikrobiom wirken. Es kommt also zu einem sehr komplexen Cross Talk, der es Forscherinnen und Forschern schwierig macht, die schädlichen Wirkungen aufzudecken und in den Kontext zu setzen. Die sogenannten endokrinen Disruptoren gehören zu den Chemikalien, welchen wir dauerhaft ausgesetzt sind und die mit ihren pathologischen Wirkmechanismen eine viel größere Aufmerksamkeit bekommen sollten.

Endokrine Disruptoren weisen eine strukturelle Ähnlichkeit zu unseren Hormonen auf und können uns somit in vielerlei Hinsicht aus der Dysbalance bringen. Sie stören unter anderem die Freisetzung, den Transports oder die Aufnahme von Hormonen in die Zielzellen, was Wachstumsstörungen, Infertilität, T2D und andere Erkrankungen zur Folge haben kann. Aufnahmequellen sind hierbei die Landwirtschaft, Industrie, aber auch die alltägliche Benutzung von Plastik, Druckerfarben und Kabeln, in denen sich die bekannten Weichmacher verstecken können. Schwangere sollten hier vor allem aufpassen, da sich Disruptoren intrauterin ansammeln können und dadurch die Entstehung von Adipositas und T2D bis in die 2.Generation auslösen können. Wir sprechen hier also von multigenerationaler Vererbbarkeit.

Bisphenol A (BPA) ist so ein endokriner Disruptor, der in Deutschland tonnenweise für Kinderspielzeug, Trinkbecher, Innenbeschichtung von Konserven (was ins Lebensmittel übergehen kann) eingesetzt wird. Im Frankreich ist die Verwendung dieser Chemikalie bereits verboten. Der Lebensmitteldiscounter Aldi ist bisher einer von wenigen Einkaufsmärkten, der auf BPA-freie Konserven achtet.  BPA hat Ähnlichkeit zu Östrogen und bewirkt unter anderem Insulinresistenz, Entzündung, Produktion von reaktiven Sauserstoffspezies und schädigt die β-Zellfunktion.

Auch gibt es die persistenten organischen Schadstoffe (POPs), wie zum Beispiel Insektizide, die zwar in den 70ern verboten wurden, aber heute trotzdem noch ein Thema für uns sind. In der Vergangenheit haben sie sich global über Luftpartikel und über Gewässer in der Nahrungskette angereichert und sind nach wie vor in hohen Konzentrationen vorhanden. Sie sind stark fettlöslich, weswegen sie vor allem in fettreichem Fisch nachweisbar sind. POPs sind, wie BPA, endokrine Disruptoren und können die Insulinsekretion beeinträchtigen. Des Weiteren werden ihnen neurotoxische Effekte nachgesagt, wobei die durchgeführten Studien, größtenteils in Deutschland, sehr heterogen sind. Es wird von Professor Rathmann empfohlen prospektive Studien durchzuführen, um Dosiseffekte und potenzielle Quellen (Nahrung, Sanierung alter Gebäude, Bodensedimente) weiter zu ermitteln. Zudem ist es wichtig, in der Adipositas/Diabetes Forschung mit Abnahme des BMIs auch die Konzentration von POPs zu messen, weil diese bei Gewichtsreduktion aus dem Fettgewebe freigesetzt werden. Das wird es noch mehr ermöglichen diese Stoffe als Risikofaktor für T2D weiter einzuschätzen.

Jetzt ist die Frage, was man persönlich machen kann, um sich vor der chronischen Exposition mit diesen endokrinen Disruptoren etwas besser zu schützen: Es gibt die App „Scan4Chem“, welche im Rahmen des EU-Projektes AskREACH entwickelt wurde. Mit dieser App kann man seine gekauften Produkte scannen und eine Anfrage an den Hersteller über die Inhaltsstoffe schicken. Dieser ist verpflichtet innerhalb von 45 Tagen alle Infos zu übermitteln. Im Hinblick auf diese Thematik und natürlich auch bezogen auf unsere Umwelt, sollten wir weiterhin mehr darauf achten möglichst wenig Plastik und Konserven zu benutzen und eher auf das gute alte Glas zurückgreifen.

Juliane Brandes

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