PRO Telemedizin – wie der Corona-Lockdown die Vorteile einer Videosprechstunde deutlicher gemacht hat

Katheterwechsel notiert, Basalrate vermerkt, alle Blutzuckerwerte aufgeschrieben, auch nachts – das war mal Diabetologie in der Pädiatrie, das analoge Blutzucker-Tagebuch.

Jetzt ist es anders – viele Kinder in Deutschland tragen ein RT-CGM (Real-Time Continuos Glucose Monitoring). Die Daten werden in einer Software ausgewertet. Das klingt erstmal gut, bringt aber auch eine neue Herausforderung mit sich – Patientinnen und Patienten und deren Familien und natürlich auch wir Ärztinnen und Ärzte müssen Kurven und Statistiken verstehen können, die automatisch generiert werden.

Eine Vereinfachung vorweg: Wenn alles optimal funktioniert, werden Uploads der RT-CGMs sowie die Pumpendaten zunehmend über eine App in die Cloud des jeweiligen Herstellers übertragen. Und das ist die Grundlage für die Videosprechstunde sowie für die Telemedizin im weiteren Sinne.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass wir akut Alternativen zu Präsenzterminen brauchten, die ja in einem Lockdown nicht möglich waren. So wurden im zweiten Quartal des Jahres 2020 insgesamt 1,2 Millionen Videosprechstunden von allen Ärzten (unabhängig von der Fachrichtung) angeboten. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 waren das nur 3000 telemedizinische Termine.

Doch wie läuft so eine Videosprechtunde eigentlich ab? Dr. Simone von Sengbusch aus Lübeck, die im Bereich der Telemedizin durch die ViDiKi-Studie viel Erfahrung sammeln konnte, berichtet:

Die Patienten werden gebeten, ihre CGM-, ICT- oder Pumpendaten ein bis zwei Tage vor dem geplanten Termin verschlüsselt an den Arzt zu senden. Dieser kann sich mit den Daten auseinandersetzen und schickt sie mit einem positiven Kommentar zurück. Ein Tag vorher sehen die Patienten bereits, was sie am Ambulanztermin erwartet.

Das Team aus Lübeck hat mittlerweile über 4000 Videosprechstunden durchgeführt, die Ergebnisse der ViDiKi-Studie sind sehr positiv:

Die ergänzenden Kontakte führen zu einer signifikanten Verbesserung der Stoffwechsellage der betreuten Kinder mit Typ-1-Diabetes. Die Therapiezufriedenheit der Patienten steigt, die Belastung der Eltern sinkt hingegen. Was den Patienten sehr gefallen hat, war die Flexibilität der Termine, ein reduzierter zeitlicher Aufwand und das erhöhte Sicherheitsgefühl.

Die Videosprechstunden werden von den Eltern kaum abgesagt, selbst die Jugendlichen erscheinen sehr pünktlich zum Termin. Das ist auch klar – im Gegensatz zum geplanten Besuch in der Klinik kommt kein Stau dazwischen, es reicht, wenn man sich einfach von zu Hause aus dazuschaltet.

Für die Diabetesteams stellt die Videosprechstunde ebenfalls eine Erleichterung dar. So können sie ihre Arbeitszeiten besser einteilen und die telemedizinischen Termine teilweise im Homeoffice anbieten.

Diese Vorteile führen uns letztlich zur Frage, wie ein neuer Versorgungsstandard in der pädiatrischen Diabetologie zukünftig aussehen könnte. Die Manifestationen des Typ-1-Diabetes und die dazugehörigen Schulungen werden weiterhin stationär erfolgen. Die sensorunterstützte Therapie sowie Software-Lösungen werden mit den Eltern bereits am Anfang besprochen. Die Nachbetreuung wird größtenteils per Videosprechstunde stattfinden können. Schließlich wird es dann für jeden Patienten einen individuellen Rhythmus von Videosprechstunden-Terminen und persönlichen Kontakten in der Ambulanz geben. Kurze Videoschulungen wären als eine gute Ergänzung der Therapie denkbar, jedoch sind sie kein Ersatz für die stationär angebotenen Schulungen, die einen besonderen Lerneffekt für die Kinder haben.

Wir halten also fest: Die Eisatzmöglichkeiten einer Videosprechstunde sind vielfältig und können potenziell zur besseren Versorgung der Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes beitragen. Das Versorgungsmodell, wo die digitale Betreuung der Patienten mitintegriert ist, ist auch umsetzbar, was wir vor allem während der Monate im Lockdown gesehen haben.

Irena Drozd

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