Präzisionstherapie am Beispiel Binge-Eating-Störung und Adipositas

„Präzisionsmedizin – eine Reise in die Zukunft der Diabetologie“ lautete das Motto des diesjährigen und erstmals rein digitalen Diabetes Kongresses der DDG. Im Kongressangebot wurde vielfältig aufgezeigt, wie Präzisionsmedizin Einzug in die Diabetologie erhält. Als Psychologin stellte sich mir die Frage, welche Überträge auf die psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung denkbar sind. Die Antwort lieferte der spannende Vortrag „Binge-Eating-Störung und Adipositas“ von Professor Dr. Anja Hilbert (Leipzig).

Binge-Eating-Störung – was ist das genau?

Die Binge-Eating-Störung (BES) zählt zu den weitverbreitetsten Essstörungen und zeichnet sich durch wiederkehrende Essanfälle mit Gefühl des Kontrollverlusts aus. Bei etwa 90 Prozent der Menschen liegt Überwicht oder Adipositas vor, oft begleitet von kardiometabolischen Störungen, psychischen Komorbiditäten, Ablehnung des eigenen Körpers und beeinträchtigter Lebensqualität. Die BES ist weit verbreitet, je nach Studie werden Punktprävalenzen von ein bis sechs Prozent angegeben. Mehrere Faktoren können das Risiko für die Entwicklung einer BES in der Jugend oder dem frühen Erwachsenenalter erhöhen, darunter Essen mit Kontrollverlust, Schlankheitsdruck, Diäthalten und negativer Affekt. Auch die genetische Veranlagung scheint eine wichtige Rolle zu spielen.

Welche ist die bestmögliche Behandlung?

Um diese Frage zu beantworten, haben Professor Dr. Hilbert und ihre Kolleginnen und Kollegen in einer umfänglichen Metaanalyse Daten von insgesamt 7.515 Patientinnen und Patienten ausgewertet. Anhand der Ergebnisse wurde für die aktuellen evidenzbasierten Behandlungsleitlinien der BES eine klare Empfehlung von Psychotherapie (insbesondere kognitive Verhaltenstherapie) als Therapie der ersten Wahl ausgesprochen. Konservative Gewichtsreduktionstherapie bei begleitender Adipositas sollte erst nach Verbesserung der Essanfälle durch die psychotherapeutische Behandlung in Erwägung gezogen werden. Mit Psychotherapie lässt sich immerhin bei etwa der Hälfte der betroffenen Personen eine Abstinenz von Essanfällen herstellen. Trotzdem stellt sich die Frage, wie die Therapie weiter optimiert werden kann, um mehr Menschen erfolgreich zu behandeln und die Patienten im Gewichtsmanagement noch besser zu unterstützen.

Ein Faktor, der mit einer langfristig erfolgreichen Behandlung in Verbindung gebracht wird, ist das frühe Ansprechen („Rapid Response“). Bei der BES spricht man von einer Rapid Response, wenn sich die Essanfälle einen Monat nach Behandlungsbeginn um 70 Prozent reduziert haben. Dieser Faktor kann als Ausgangspunkt für ein adaptives, gestuftes Behandlungsmodell genutzt werden, in welchem die „Rapid Responders“ eine Adipositas-Verhaltenstherapie wie gehabt fortsetzen, die „Non-Rapid Responders“ hingegen mit angeleiteter Selbsthilfe und Medikamentengabe zusätzlich unterstützt werden, um einen ähnlich guten Therapieerfolg zu erzielen.

Auch wenn es sich um erste Ergebnisse handelt, wird deutlich, wie die vielversprechende „Präzisionstherapie“ am Beispiel Adipositas und Binge-Eating-Störung in Zukunft aussehen könnte.

Quellen:

Grilo, C. M., White, M. A., Masheb, R. M., Ivezaj, V., Morgan, P. T., & Gueorguieva, R. (2020). Randomized controlled trial testing the effectiveness of adaptive “SMART” stepped-care treatment for adults with binge-eating disorder comorbid with obesity. American Psychologist, 75(2), 204. doi:10.1037/amp0000534

Hilbert, A. Binge-Eating-Störung und Adipositas (2021, Mai). Vortrag auf dem jährlichen DDG Diabetes Kongress im Rahmen des Symposiums „Einfluss der Ernährung auf den Stoffwechsel“.

Hilbert, A., Petroff, D., Herpertz, S., Pietrowsky, R., Tuschen-Caffier, B., Vocks, S., & Schmidt, R. (2019). Meta-analysis of the efficacy of psychological and medical treatments for binge-eating disorder. Journal of consulting and clinical psychology, 87(1), 91. doi:10.1037/ccp0000358

Lilli Priesterroth

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