„Nehme ich etwas, was den Pinguinen die Nahrungsgrundlage wegnimmt?“

Auf der diesjährigen DDG-HT besuchte ich ein Symposium der Firma Amarin bezüglich ihres neuen Medikaments Vascepa zur kardiovaskulären Risikoreduktion in einem Hochrisiko-Patientenkollektiv.
Während des Vortrags von Michael Lehrke aus Aachen kam die Frage auf, ob man nicht mit einem Fischöl-Präparat „per Rezeptblock Anweisung gebe, dass wieder ein Stück Meer leer gefischt wird“. Ob es denn nicht möglich sei, in dieser Synthese einen Schritt früher einzusteigen, das Öl direkt aus den Algen zu gewinnen?  

Spannende Fragen! Sieht man in die Fachinformation des Icosapent-Ethyl Präparats, so wird dies für Statin-behandelte Erkrankte empfohlen, die ein hohes kardiovaskuläres Risiko, erhöhte Triglycerid-Werte (>150 mg/dl) und entweder eine bereits apparente kardiovaskuläre Erkrankung oder einen Diabetes mellitus und mindestens einen weiteren kardiovaskulären Risikofaktor aufweisen. Mit dem neuen Medikament soll zur bestehenden Therapie eine zusätzliche Relative Risikoreduktion (RRR) von 25% für MACE-Ereignisse („major adverse cardiac event“) geschaffen werden, wie in der zitierten REDUCE-IT Studie (Bhatt et. al.) 2019 gezeigt wurde.


„Gemeinsam durch dick & dünn“ ist das Motto der diesjährigen Diabetes-Herbsttagung und wie eng Diabetes, Adipositas und kardiovaskuläres Risiko zusammengehören, brannte sich mit jedem besuchten Vortrag tiefer in mein Bewusstsein. Praktisch jeder Patient und jede Patientin mit einem Diabetes mellitus trägt das in der Fachinformation erforderliche „hohe kardiovaskuläre Risiko“. 2013 wurden lt. Ärzteblatt etwa 4,7 Mio. Menschen in Deutschland mit Statinen behandelt (1,707 Milliarden Tagesdosen), diese Zahl sollte heute noch deutlich höher liegen.
Wenn also hypothetisch all diese Menschen jetzt zusätzlich noch dieses Fischöl-Präparat verschrieben bekämen, um sie vor schweren kardiovaskulären Ereignissen zu schützen, liegt die Vermutung nahe, dass hiermit ein deutlicher Beitrag zur Überfischung der Meere geleistet würde. Ohnehin schätzt z.B. Greenpeace etwa 85% der weltweiten Fischbestände als überfischt oder kurz davor ein.
Die begehrten Fettsäuren werden übrigens nicht primär von Fischen produziert. Die eigentliche Synthese findet in Algen statt, pelagisch (im Freiwasser) lebende Fische konzentrieren dies über ihre Ernährung dann so weit, dass es auch industriell gewonnen werden kann.

Der Frage aus dem Auditorium stellte sich dann letztlich ein anwesender Mitarbeiter der Firma Amarin und versicherte, dass es sowohl nach derzeitigem Stand der Technik nicht möglich ist, die Eicosapentaensäure in ausreichenden Mengen aus Algen zu extrahieren als auch, und das ist der viel wichtigere Punkt: Es würde kein einziger Fisch primär zur Produktion des Fischöl-Präparats gefangen. Die verwendeten Fische würden vor den Küsten Chiles und Perus gefangen und seien für die Fischmehl-Produktion zur Verwendung z.B. im Aquafarming bestimmt. Das Öl falle also als Beiprodukt dieser ohnehin schon bestehenden Industrie an. Win-Win-Situation also. Oder zumindest kein allzu großer ökologischer Schaden. Immerhin!

Friedrich Kadgien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.