Konvex oder konkav?

Nach 7 Jahren Wartezeit und 6 ½ Jahren Medizinstudium (inklusive der Geburt von 2 Kindern) startete ich voller Tatendrang und Wissen in mein berufliches Leben in einer Diabetologischen Schwerpunktpraxis weit weg von zu Hause. Nach einer so langen Zeit mit Höhen, Tiefen, Generalwiederholung und einer Neurologieprüfung am Tag nach dem WM-Finale 2014 dachte ich, ich bin auf alles vorbereitet. Dann traf ich auf meine größte Herausforderung: Die Patientinnen und Patienten.

Ich bin kläglich gescheitert.

Die Patienten haben MEIN „angestrebtes Ziel nicht erreicht“ [DUDEN].

In seinem Vortrag über den Umgang mit Scheitern aus Sicht eines Klinikers, beschrieb Dr. Alexander Risse, dass das Leid des Behandlers, nachdem er feststellt, der Betroffene tut gar nicht, was er ihm sagt, vor allem dann entstehe, wenn der Auftrag, den der Patient an ihn habe, vor der Behandlung nicht ausreichend geklärt sei. Wenn dem oder der Behandelnden die Erfahrung fehle, er oder sie die Phantasie habe allmächtig zu sein und auf Veränderung des Lebens, das ja eigentlich der Patient oder die Patientin führt, beharre.

Am Abend vor dem Symposium „Umgang mit Scheitern:  Der Patient entscheidet sich anders“ berichtete mir eine sehr erfahrene chirurgische Kollegin, sie habe mal ein Wochenende Tag (und Nacht) Wanderschuhe getragen, um zu erfahren, wie es sei, wenn man nur noch Athrodesenstiefel tragen dürfe.

Jeder, der sich über seine Patienten ärgert oder an sich selbst zweifelt, kann ja mal nachts um vier Uhr mit voller Blase, im Dunkeln versuchen, in Wanderschuhe reinzukommen und diese noch vernünftig zu schnüren.

Dieses Beispiel unterstreicht sehr eindrücklich, was die Psychologin Susan Clever, Vorsitzende der oben genannten Veranstaltung, gesagt hat: „Jeder Mensch hat einen guten Grund für sein Verhalten.“

Wenn Dr. Alexander Risse wegen eines, wie er es nannte „Philosophenunfalls“ nicht persönlich an der DDG-Herbsttagung teilnehmen konnte, dann hatte er dafür einen guten Grund und wenn die Patientinnen und Patienten, die wir betreuen, sich non-adhärent verhalten, also das Therapieziel, dem sie vorher wissentlich zugestimmt haben, nicht verfolgen, dann lohnt es sich zu schauen, warum sie ihren Lifestyle (zurzeit) nicht modifizieren können.

Im Verlauf der ersten Monate merkte ich ziemlich schnell, dass weder ein schlechtes Gewissen machen noch überreden oder mit den Konsequenzen drohen, dazu führte, dass die Betroffenen meiner leitliniengerechten und „wichtigen“ Therapieempfehlung (langfristig) folgten.

Professor Frank Petrak beschrieb in seinem Teil des Symposiums, dass „extrinsische Motivation“ nur kurzfristig etwas bewirken könne, denn „[…] nachhaltige Lebensveränderungen erfordern intrinsische Motivation […]“ (Prof. Petrak).

Um die Patientinnen und Patienten zu unterstützen sich selbst zu motivieren, stellte Professor Petrak „WOOP“ vor. „Woop“ könne genutzt werden, um mit den Betroffenen den Behandlungsauftrag (Wish) zu klären. Der oder die Behandelnde erfahre, was für den Patienten das Schönste an der Erfüllung dieses Auftrags (Outcome) wäre und welche möglichen Hindernisse (Obstacle) der Patient oder die Patientin bei der Erfüllung dieses Auftrags sehe. Dann könne gemeinsam ein „Wenn-Dann-Plan“ (Plan) erstellt werden, der den Patienten im Alltag helfen könne, etwas zu verändern.

Um medizinisch gut betreuen zu können schlägt Professor Petrak vor, nach Vereinbarung der Therapieziele, diese regelmäßig zu evaluieren und bei nicht Erreichen sowohl auf Seiten des Patienten aber auch auf Seiten des Behandelnden zu analysieren, welche Faktoren dem zugrunde liegen könnten.

Mittlerweile habe ich gelernt, dass die beste Therapie nur dann etwas taugt, wenn der Patient sie auch umsetzt. „[…] 50% der chronisch kranken Patienten befolgen die Behandlungsempfehlungen NICHT […]“, so Professor Petrak. Das Gute ist, die anderen 50% tun es aber brav.

Vielleicht kann man dieses Wissen zu seinen Gunsten nutzen, um sich intensiver mit den Patientinnen und Patienten zu befassen und mehr über sie und ihre Lebensumstände zu erfahren.

Auch Dr. Andreas Klinge aus Hamburg machte durch seine Fallbeschreibung über einen jungen Patienten mit Diabetes Typ 1 mit kontinuierlich über Jahre bestehendem zweistelligem HbA1c und daraus resultierenden Folgeerkrankungen deutlich, wie das Verhältnis zum Patienten sich ändern könne, wenn man beginne ihn zu verstehen, weil man mehr über ihn wisse.

So ist es auch mir ergangen. Ich bin das Wagnis eingegangen, mich vernünftig mit den Patientinnen und Patienten zu unterhalten und umfassende Anamnesen zu machen. Hin und wieder gelingt es mir jetzt, eine Therapie zu finden, die so zum Leben der Betroffenen passt, sodass diese sich motivieren können, diese selbst umzusetzen und ich kann aus meiner „konvexen Haltung“ (Dr. Risse, während der immer näher an die Kamera seines Laptops kam) herauskommen und wieder „Kontakt mit der Rückenlehne meines Schreibtischstuhls finden“ (Dr. Risse).

Anna Edel, Diabeteszentrum im OPZ Iserlohn-Letmathe

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