Auf dem Sofa, aber mittendrin

Der erste vollständig digitale Diabetes-Kongress bot die seltene Gelegenheit, ernsthaft über das nachzudenken, was Sie an klassischen – analogen – Kongressen schon immer störte. Für manche waren es die schmerzenden Füße nach einem langen Tag zwischen Kongressräumen und Ausstellungen auf totschicken, aber unbequemen Schuhen. Für andere der Kaffee an der Hotelbar, der noch nicht an die hauseigene Kaffeemaschine heranreichte. Und anderen schmerze der Rücken nach der zweiten Nacht auf viel zu weichen Hotelmatratzen – von der viel befahrenen Kreuzung hinter unzureichend isolierenden Fenstern ganz zu schweigen.

Mich persönlich forderten die Entscheidungen beim Studium des umfangreichen Kongressprogramms heraus – Vortrag 1 in Session 8 passte perfekt zum eigenen Forschungsschwerpunkt, Vortrag 2 (fast zeitgleich) in Session 4 zu einem Thema, das seit langem im Team diskutiert wurde, Vortrag 3 in Session 1 (genau, ebenfalls fast zeitgleich) zu einer Unstimmigkeit mit dem Chef, bei der Sie schon lang nach dem entscheidenden Argument suchen. Und Vortrag 4 in Session 10 (sich zu teleportieren wäre eine realistische Option) behandelt einen Fall, der Sie verdächtig an eine Patientin aus einer vergangenen Sprechstunde erinnert, die mit kryptischen Vorbefunden und unstimmigen Laborparametern Ihre Gedanken in schlaflosen Nächten kreisen lässt. Wohin nun?

Der Diabetes Kongress 2021 lieferte für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Präzision in der Partizipation durch schnelle Wechsel zwischen genau terminierten Livestreams, ohne sich zwischen Saal 1 und Saal 4 zweimal zu verlaufen. Dies machte den Kongress aber auch anonymer – unverbindlicher. Es lag in der eigenen Verantwortung, ihn interaktiv zu halten.

Was können wir aus den Erfahrungen lernen? Vielleicht sind Hybrid-Modelle zukunftsweisend, die noch mehr Menschen die flexible Teilnahme am Kongress von jedem Ort mit Internet ermöglichen.

Selina Dürrbeck

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