Adipositas – „Bitte Bewegungs- und Ernährungstherapie optimieren“

Das Thema Adipositas betrifft durch die hohe Prävalenz (ca. 25% aller Deutschen BMI >30 kg/m²) und erhöhte Morbidität und Mortalität fachübergreifend fast jeden Arzt oder Ärztin. Hierbei wird die Adipositas häufig als Lifestyle-Problem abgestempelt und im Arztbrief heißt es, man solle „sich bitte gesund ernähren und mehr Sport treiben“. Hiermit werden Betroffene oft alleine gelassen, obwohl es sich bei der Adipositas um eine chronische Erkrankung handelt, die strukturierte Behandlungsansätze erfordert. Seit 2020 ist die Adipositas erfreulicherweise auch vom Deutschen Bundestag als Erkrankung offiziell anerkannt und es wird aktuell an einem „Disease-Management-Programm“ (DMP) gearbeitet.

Was kann den Patientinnen und Patienten also angeboten werden?

Die klassische Verhaltensmodifikation kann im Durchschnitt nur eine Gewichtsreduktion von ca. 3-5% erreichen, sodass zusätzliche Maßnahmen notwendig sind. In Adipositaszentren wird hier häufig, gemäß Leitlinie, eine bariatrische Operation empfohlen. Hierbei handelt es sich jedoch um einen irreversiblen Prozess mit (geringen) peri- und postoperativen Risiken, der nicht für alle Erkrankten in Frage kommt. Erfreulicherweise bieten Studien der letzten 5-10 Jahre vielversprechende Möglichkeiten einer medikamentösen Gewichtsreduktion. Zugelassen ist in Deutschland neben Orlistat bisher Liraglutid (Saxenda), in den USA zusätzlich Semaglutid, das einen noch stärkeren Effekt mit einem Mittelwert von 15% Gewichtsreduktion bewirkte. Die STEP 4-Studie verzeichnete sogar bei 40% der Teilnehmenden eine Reduktion von 20% auf, vergleichbar zu den Daten bariatrischer OPs. Erfolgsversprechend sind zudem neue Kombi-Präparate wie Tirzepatid (GLP-1 und GIP Agonist) oder Semaglutid + Cagrilintid (Amylin-Analogon). Bisher existieren hier nur Studien mit Diabeteserkrankten, die sogar einen überlegenen Effekt im Vergleich zu einer Monotherapie mit Semaglutid zeigten.

Bildquelle: Sharma, M. Arya (06.11.21), Fortschritte in der Adipositastherapie, DDG Herbsttagung, Wiesbaden

Warum wird aktuell dennoch kaum mit GLP-1 Analoga behandelt?

Das Problem ist, dass nach Paragraph 34 des SGB V gewichtsreduzierende „Lifestyle“-Medikamente nicht von der Krankenkasse bezahlt werden dürfen, was bedeutet, dass Betroffene meistens auf den Kosten sitzenbleiben. Hier teilten mir Pharmavertreter auf der Herbsttagung mit, dass eine niedrigdosierte Therapie mit Saxenda für ca. 2€ täglich eine gute gesundheitliche Investition sei. In der klinischen Routine ist dies jedoch für die meisten Erkrankten ein Hauptargument gegen eine Therapieentscheidung, besonders bei Kosten der Erhaltungsdosis von bis zu 10€ am Tag.

Es gilt demnach zu hoffen, dass durch die neue Regierung der Paragraph geändert wird und im Rahmen eines DMPs adäquate medikamentöse, psychologische und bariatrische Therapiemöglichkeiten etabliert werden.

Lukas Schimpfle

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