1921 bis 2019 – bleibt Insulin die einzig sinnvolle Therapie des Typ-1-Diabetes? Eine Diskussion über SGLT2-Inhibitoren als Therapieerweiterung

1921 entdeckten Frederik Banting und Charles Best das Hormon, um das sich heute so viel dreht: das Insulin. Wie vielfältig die Wirkung und der Einfluss auf unseren Stoffwechsel sind, war da noch nicht klar. Dennoch ist es ein Durchbruch in der Diabetesforschung und die erste ‚echte Therapie‘ für tausende Diabetiker. Bis heute. 

Wie kann es sein, dass innerhalb von fast 100 Jahren Insulin die einzige Therapie für Typ-1-Diabetes bleibt? Oder ist es vielleicht gar nicht so aussichtlos, wie es klingen mag? 

Luis ist neun Jahre alt, als er plötzlich für zwei Wochen ins Krankenhaus muss. Typ-1-Diabetes lautet die Diagnose. Ihm und seinen Eltern wird genau erklärt und gezeigt, wie er in Zukunft sein Leben umgestalten muss. Es gibt eine Vielzahl von Glukosesensoren und Insulinpumpen, aus denen er wählen kann. „Was soll denn da noch schief gehen?“ fragt er sich. „Mit den heutigen Hilfsmitteln ist doch eine optimale Einstellung des Zuckers und ein normales Leben möglich!“

Was Luis und seinen Eltern allerdings nicht gesagt wurde ist, dass seine Lebenszeit um 14 Jahre geringer ist als bei den anderen Jungs seines Alters … und das trotz optimaler Einstellung des Blutzuckers. Rawshani et al. veröffentlichten 2018 im Lancet (2018; 392: 477-86), dass das kardiovaskuläre Risiko mit einer frühen Manifestation des Diabetes zunehme und dieses signifikant erhöht sei, auch wenn ein gewünschter HbA1c bzw. eine gewünschte time in range erreicht wird. 

Muss uns das nicht erschrecken? Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten viel im Bereich der Hilfsmittel getan hat und wir die externe Insulingabe und Blutzuckerregulation immer mehr versuchen der physiologischen körpereigenen anzunähern, scheint es uns trotzdem nicht zu gelingen die Mortalität – alleine mit Insulin – entscheidend zu beeinflussen. Müssen wir die Therapie erweitern, damit uns das gelingen kann?

Eine Möglichkeit hat sich aufgetan. SGLT2-Inhibitoren kennen wir eigentlich aus der Therapie des Typ-2-Diabetes. Über eine gesteigerte renale Glukoseausscheidung kann der Blutzucker gesenkt werden. Ein Effekt, der ebenfalls beim Typ-1-Diabetes nützlich sein kann. In Studien wurde gezeigt, dass nicht nur der HbA1c leicht fiel, sondern auch das Körpergewicht und die Insulingabe reduziert werden konnten. Besonders zu betonen ist, dass auch die für uns mittlerweile wichtige time in range bei geringerer Anzahl an Hypoglykämien zunahm. Das klingt doch soweit vielversprechend? 

SGLT2-Inhibitoren haben in Deutschland aktuell nur eine Zulassung bei Typ-1-Diabetikern mit einem BMI >27 kg/m2. Die Indikation sollte streng gestellt werden, da diabetische Ketoazidosen unter SGLT2-Inhibitor-Einnahme deutlich vermehrt auftreten. Mit einer number needed to harm von 31 ist das kein Risiko, das man mal eben unter den Tisch fallen lassen kann. Trotzdem sollte dies kein Grund sein, die neue Möglichkeit der Therapieerweiterung zu sparsam einzusetzen. Prof. Thomas Danne betonte in dem Industriesymposium von AstraZeneca (Do. 30.5.2019), dass diesem Risiko durch adäquate Schulung der Patienten, aber auch der Ärzte entgegengewirkt werden kann. 

Entscheidend ist hier doch, dass wir etwas tun müssen. Insulin scheint nicht zu reichen. Also müssen wir weitersuchen und aufbrechen zu neuen Ufern. Auch wenn das bedeutet, dass wir Risiken in Kauf nehmen und überlegen müssen, wie wir diese minimieren. Denn eins ist klar: eine um mehr als 14 Jahre verkürzte Lebenserwartung trotz optimaler Blutzuckereinstellung kann uns nicht zufrieden stellen!

Antonella Maria Tilk

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.