Zwei Züge kollidieren: Klimawandel und Diabetes – Frontalaufprall oder Teufelskreis?

Der menschengemachte Klimawandel gefährdet unsere Gesundheit. Mit dieser Aussage überraschte mich Professor Rainer Sauerborn in der Session Klimawandel und Diabetes zunächst nicht. Vermehrt findet die Tatsache Einzug ins Medizinstudium, die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit KLUG informiert darüber, Health for Future geht dafür auf die Straße. Und dennoch: Wieso gerade Diabetes? Infektionskrankheiten, Nahrungsmittelunsicherheit und Atemwegserkrankungen kamen mir schnell in den Sinn – ein hoher Blutzucker wäre ehrlich gesagt nicht meine erste Idee gewesen. Professor Sauerborn aber erklärt wie Klimawandel und Diabetes sich gegenseitig verschärfen.

Zunächst zur Kollision der beiden Züge: Während ich Diabetes intuitiv als Wohlstandserkrankung dem globalen Norden zugeordnet hätte, beschreibt Sauerborn, dass im Jahr 2045 wohl 80 Prozent aller Menschen mit Diabetes in Ländern des globalen Südens leben werden (IDF, 2017). Gleichzeitig werden diese Länder die heißeste Zone der Welt darstellen. Damit überlappen sich zwei Gefahrenzonen – der Aufprall der Züge ist geschehen.

Beim reinen Frontalaufprall bleibt es allerdings nicht – ein Teufelskreis entsteht. Der Klimawandel erhöht die Diabetes-Inzidenz, Exazerbationen und assoziierte Mortalität (IDF, 2012). Sauerborn beschreibt, wie Feinstaubbelastung die Insulinproduktion der Inselzellen stört oder, nach der Barker-Hypothese, Unterernährung im Mutterleib zu einem erhöhten Diabetesrisiko führt. Aber auch bei bereits vorhandenem Diabetes stellt das sich verändernde Klima eine Gefahr dar. Die körperliche Reaktion Betroffenen auf Hitze, setzt im Vergleich zur Normalbevölkerung verspätet ein, hat eine geringere Sensitivität und eine verminderte maximale Temperaturreduktion. Ursächlich hierfür sind unter anderem eine beeinträchtigte Vasodilatation, eine reduzierte Nierenfunktion oder Komorbiditäten wie eine Adipositas. Insgesamt ist so die Übersterblichkeit durch erhöhte Temperaturen gerade bei älteren Erkrankten im Vergleich zu Nicht-Erkrankten global um 1.65 (Bunker et al., 2016) erhöht. Der Klimawandel schadet also der Entstehung und dem Verlauf eines Diabetes.

Für einen echten Teufelskreis fehlt allerdings noch ein Einfluss in die andere Richtung. Wie aber soll der Diabetes oder gar der/die Betroffene dem Klima schaden? Doch genau das kann der Fall sein: Behandlungsmaßnahmen vergrößern den ökologischen Fußabdruck. Zusätzlich, so beschreibt Sauerborn, haben Patientinnen und Patienten auch unabhängig davon eine größere durchschnittliche CO2-Bilanz, nutzen zum Beispiel häufiger das Auto. Dies wiederum schadet dem Klima – der Teufelskreis schließt sich.

Was wie ein düster gezeichnetes Bild wirkt, kann aber auch als Chance begriffen werden. Denn, was folglich auch stimmt: Klimapolitik schützt Erkrankte mit Diabetes. Und gute Diabetesprävention, wie auch eine gute Betreuung, helfen dem Klima. So ruft Sauerborn am Ende seines Vortrags dazu auf, in Behandlung und Prävention die beiden Dimensionen Klimaschutz und Diabetes gemeinsam zu betrachten und zu „behandeln“. Aktive Transportmöglichkeiten, wie etwa das Fahrradfahren, können sowohl dem Klima als auch dem Blutzuckerwert etwas Gutes tun. Eine Diät mit weniger rotem Fleisch unterstützt sowohl Klimaschutz als auch Diabeteseinstellung. Aber auch das erhöhte Risiko von Patientinnen und Patienten mit Diabetes, gerade im Rahmen von Hitzewellen, sollte entsprechend betreut werden. Durch gemeinsame Betrachtung der beiden Züge kann so viel gewonnen werden.

Anna Henning

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.