Wie wir noch Vertrauen lernen müssen – Und warum das völlig okay ist

In diesem Jahr durfte ich, nach längerer (Corona-bedingter) Pause, endlich wieder vor Ort Reisestipendiatin in Wiesbaden zum Herbstkongress 2021 am 5. bis 6. November sein. Nachdem mir der Kongress in Berlin 2019 gut gefallen hatte, hatte ich mich entschlossen, mich erneut bei der DDG zu bewerben. Die Freude war groß, als im Oktober die positive Rückmeldung kam und für mich klar war: ich reise nach Wiesbaden und bringe mich vor Ort thematisch auf den neuesten Stand.

Ein Vortrag, dem ich unter anderem beiwohnte, galt dem Thema Digitalisierung und der Frage: „Dropoutrate bei Insulinpumpe/CGM: sind Merkmale dieser Patientengruppe schon erkennbar?“ von Frau Sandra Schlüter (Northeim). Da ich selbst Pumpen- und CGM-Trägerin bin und den Kongress auch explizit nutzte, mich auf der Messe über die neuesten Closed-Loop Systeme schlau zu machen, fand ich diese Frage durchaus interessant. Denn für mich ist ein Leben ohne Pumpentherapie mittlerweile undenkbar.

Hier nutzte Frau Schlüter das Beispiel der Medtronic Minimed 670 G Pumpe. Sollte man eigentlich denken, dass eine Insulinpumpe vieles leichter mache, so überraschte es, dass 30% der Patientinnen und Patienten das System nach 6 Monaten wieder abgelegt haben.

Was könnten Gründe hierfür sein? Bemerkbar machte sich, dass jene Patientengruppe einen hohen HBA1c Wert hatte, Eltern sich über das Kalibrieren aufgrund von Fehlalarmen beschwerten und vor allem, dass wohl die Technologienutzung ein Hindernis darstellte (wobei kein Unterschied gemacht wurde nach einer Schulung und sechs Monaten Therapienutzung).

Weiterhin stellt sich die Frage, ob man Betroffenen, die Probleme mit einer Insulinpumpe, einem CGM oder einem AID System haben, in bestimmte Persönlichkeitstypen einteilen kann. Laut Frau Schlüter sei dies tatsächlich so: Es gäbe insgesamt fünf!

54% Prozent seien dabei die sogenannten „Diabetes-Freunde“. Sie profitieren in der Tat von oben genannten Systemen und erreichen einen besseren Langzeitblutzuckerwert.

23% bezeichnet sie als sogenannte „Freigeister“, sie wollen sich nicht eingeengt fühlen, leiden unter Vertrauensproblemen (in die Technik) und empfinden diese als „Überwachung“.

10% seien „Daten-Minimalisten“, empfinden kein Gusto an „zu viel“ Daten, dabei könnte ein CGM den Eindruck von zu viel Information auf sie erwecken.

11% sind die „Vorsichtigen“ , die sich durch Technik belastet fühlen. Diese sind jünger und haben auch einen höheren HbA1c.

3% seien „gestresst“, machen die altersmäßig jüngste Gruppe aus und haben die kürzeste Diabetesdauer.

Abschließend stellt sich die Frage, wie Therapie, Technik und Mensch miteinander vereinbar sind – ohne Angst. Frau Schlüter wirft die Frage in den Raum: „Denken wir zu viel?

Mir fällt partout ein Mann mit schütterem langem braunem Haar ein, der gedankenversunken in die Ferne schaut, seine Augenbraue hebt und sagt  „Cogito ergo sum“ (lat.) bzw. „Ich denke, also bin ich“, Renée Descartes (1596-1650).

Dieser sagte einst: „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder fantasiert, selber nicht mehr zweifeln. […] Das Denken und Zweifeln gibt uns Gewissheit über das Ich: Ich denke, also bin ich.“

Es ist das Urmenschlichste, zu hinterfragen und zu zweifeln (und sind das nicht gerade diese „2%“, die uns von der Maus unterscheiden? – Die menschliche DNS unterscheidet sich tatsächlich nur um 2% von der mäuslichen – ergo Lieblingsversuchtiere!). In einer Welt, in der Digitalisierung vielleicht gefährlich nahe an unsere ethischen Grundsätze von Menschsein und Leben kommt, auf die wir gerade als Mediziner Eid schwören müssen, gilt es doch vor allem eins zu lernen: Zu vertrauen, wenn es bedeutet frei sein zu können.

Ich glaube, gerade dieses Vertrauen an unsere Patientinnen und Patienten zu schenken und lehren zu dürfen, ist Ziel der Deutschen Diabetes Gesellschaft und ich freue mich so sehr, nach meinem Studium im kommenden Jahr einen Teil dazu beizutragen.

Bis nächstes Jahr also,

Eure

Annamarie Freya Fronius, Bergmannsheil Bochum, Ruhr-Universität Bochum

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