Weg von der Projektitis!

Und hin zu Strukturänderungen – dies fordert Dr. Dietrich Garlichs in seinem Vortrag zum Thema „Von der Verhaltens- zur Verhältnisprävention – brauchen wir eine Zucker-/Fett-/Steuer?“

Für mich als hoffentlich zukünftigen Allgemeinmediziner in Mecklenburg Vorpommern ist die Fortbildung für Hausärzte am Samstag immer eines der Highlights des Kongresses, da man praktische Tipps für die Behandlung des Diabetes erfährt und einen Einblick in die neusten technischen und medikamentösen Möglichkeiten erhält. Im Saal Pfeiffer gab es am Samstag neben vielen anderen spannenden Themen wie der Therapie des Diabetes oder Neuigkeiten aus der Gesundheitspolitik auch einen interessanten Vortrag vom Geschäftsführer der Deutschen Diabates Gesellschaft, Dr. Dietrich Garlichs. Er sprach über die Prävention und erörterte die Frage, ob eine Steuer auf zucker- und fettreiche Produkte sinnvoll wäre.

Als Einstieg wählte Dr. Garlichs das Zitat eines Kinderarztes, demzufolge bei 80% der Kinder das Umfeld mitbehandelt werden müsse, was aber leider schwer möglich sei. Es wurden Daten aus Kassel gezeigt, die deutlich machen, dass sich das Risiko an Adipositas zu erkranken bei den Sechsjährigen je nach Wohngebiet verzehnfacht. Diese traurige Tatsache sei schon lange bekannt und es gab bereits zahlreiche Initiativen wie die Festlegung eines nationalen Gesundheitsziels 2003 oder die Empfehlungen der deutschen Gesellschaft für Ernährung zur Schulernährung. Bewirken konnten diese Maßnahmen bisher allerdings nichts, da die Zielgruppe nicht erreicht wird und Daten der OECD konnten zeigen, dass die Rate an Adipositas unter den Jugendlichen in Deutschland sogar schneller zunimmt als im europäischen Durchschnitt. Dr. Garlichs geling es durch anschauliche Folien den Konflikt zwischen Mitteln, die in die Werbung von Lebensmittel gesteckt werden (90% davon werden in der footwatch Studie als unausgewogen eingestuft) und Ressourcen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Verhältnis 100:1) aufzuzeigen.

Nur durch eine frühe Prävention, die die ganze Bevölkerung erreicht und dabei die niedrige Gesundheitskompetenz der Bevölkerung berücksichtigt, könne man das Problem lösen, so Dr. Garlichs. Dafür wurden 4 Maßnahmen von 20 medizinischen Fachgesellschaften festgelegt, welche das Problem reduzieren sollen. Als erste Maßnahme wird die Bewegung in Kitas und Schulen angeführt, eine Stunde Bewegung am Tag soll es für alle geben. Als nächstes müsse die Mehrwertsteuer für gesunde Lebensmittel auf 0%, die der adipogenen Lebensmittel auf 19% festgelegt werden. Bereits in anderen Ländern wie Frankreich oder Großbritannien gibt es eine Steuer auf Softdrinks und das Beispiel Rauchen konnte zeigen, dass Preiserhöhungen durchaus wirksam sind. Als dritte Maßnahme müsse die Verpflegung in Kitas und Schulen einer strengeren Qualitätskontrolle unterzogen werden. Die letzte Forderung verbietet die Lebensmittelwerbung für Kinder.

Dr. Garlichs schafft es in seinem Vortrag die aktuelle Problematik der Adipositas und die damit verbundenen Folgeerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen anschaulich zu machen und übt nicht nur Kritik, sondern bietet Lösungsvorschläge, welche durchaus umsetztbar erscheinen, die an der Lobby der gut verdienenden Industrie allerdings noch zu knabbern haben werden. Nach dem Vortrag war ich einerseits voller Aktionismus in der Behandlung zukünftiger Patienten auch vermehrt auf den Lebensstil einzugehen, andererseits stellte sich ein Gefühl der Machtlosigkeit ein, da es besonders bei Kindern schwer wird, das Umfeld zu verändern und zu schulen und so eine Chancengerechtigkeit zu ermöglichen.

Versuchen sollte man es aber allemal!

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