Was Diabetes mit Schafen zu tun hat

Klingt erst mal weit hergeholt – das dachte ich auch zunächst, als mitten im Vortrag zur Session „Präzise Präventionsstrategien“ der digitalen Herbsttagung 2020 das Bild einer Schafsherde gezeigt wurde. Was soll das denn mit Diabetes zu tun haben? Doch ja, viel einfacher kann man das Problem der globalen Diabtesprävention nicht beschreiben:

Einhundert Schafe in einer Herde auf einer grünen Wiese, zuverlässig bewacht vom Schäferhund. Nur eines dieser einhundert Schafe entwischt und verirrt sich im Wald, wo es dem Risiko ausgesetzt ist, einem Wolfsrudel zu begegnen. Welche Wahl trifft der Schäfer? Lässt er die Herde auf der Weide zurück und holt das entlaufene Schäfchen zurück? Überlässt er das entlaufene Schäfchen seinem Schicksal und bleibt beim Rest der Herde? Während die Schafsherde auf der Weide vermeintlich sicher ist, ist das entlaufene Schaf hingegen einem hohen Risiko für sein Leben ausgesetzt. Bleibt der Schäfer bei der Herde,  entsteht hierdurch nur ein kleiner Mehrwert. Das entlaufene Schaf ist allerdings auf die Rettung durch den Schäfer angewiesen.

Ersetzt man die Schafsherde durch die deutsche Bevölkerung und das Wolfsrudel durch die Zivilisationserkrankung Diabetes, landet man bei dem Problem, welchem die Diabetesprävention gegenübersteht: Es werden viele Ressourcen aufgewendet, um die Entstehung von Diabetes in der Bevölkerung zu vermeiden. Jedoch kommen diese Ressourcen oft bei den Personen an, welche nur ein geringes Risiko aufweisen, da diese leicht zu erreichen und zu motivieren sind – in dieser Gruppe kommt es zu einer präventiven Überversorgung. Für die Personen mit sehr hohem Risiko, welche schwierig zu erreichen und zu motivieren sind, reichen die übrigen Ressourcen dann selten aus, um eine Erkrankung effektiv zu verhindern – in dieser Gruppe kommt es zu einer präventiven Unterversorgung. Aus diesem Dilemma heraus entstand der Ansatz der „dosisabhängigen“ Diabetesprävention. Denn wieso sollte nur eine Therapie dosisabhängig gefahren werden? Auch in der Prävention ergibt es Sinn, je nach Risikostatus auch die Präventionsstrategie zu dosieren. Personen mit hohem Bedarf erhalten eine intensivierte Prävention, Personen mit niedrigem Bedarf erhalten eine weniger intensive Prävention. Anschließend kommt noch ein weiterer Baustein hinzu:

Ich muss doch jemanden mit Problemen in der ß-Zelle anders behanden, als jemanden, der eine insulinresistente Fettleber hat!“

Andreas Fritsche, Session „Präzise Präventionsstrategien“

Klingt logisch. Risikopersonen müssen also nicht nur eine dosierte, sondern auch eine individuell zusammengebaute, an den jeweiligen Pathomechanismus angepasste Präventionsstrategie erhalten. Durch einen „from bench to bedside to the general public”-Ansatz soll dies möglich gemacht und die Ergebnisse in die Gesellschaft transferiert werden. Es sollte sich von der globalen Präventionsstrategie gelöst und auf die Prävention bei Hochrisikopatienten statt in der gesamten Bevölkerung konzentriert werden.

Wie schon am Beispiel des verlorenen Schafs beschrieben, wird mir für die Prävention der Pandemie Diabetes Folgendes im Gedächtnis bleiben: Hochrisikopatienten müssen identifiziert und bevorzugt sowie intensiv betreut werden. Denn der Rest der Herde ist aufgrund ihres relativ geringen Risikos auch relativ sicher.

Mit dieser interessanten Thematik hat die Herbsttagung für mich an diesem ersten Tagungstag sowohl informativ als auch amüsant begonnen. Und sind wir ehrlich – lustige Anekdoten aus dem Tierreich lockern doch jeden auf.

Hanna Huber

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