WANTED: Diabetologe 2.0

Die diesjährige Herbsttagung der DDG war dank ihrem interessanten und ausgewogenen wissenschaftlichen Programm für mich nicht nur mit vielen Aha-Momenten verbunden, sondern auch weichenstellend im Hinblick auf meine persönlichen Anforderungen als angehender Diabetologe. Der Wissenszuwachs der vergangenen Jahre und damit verbundene Ausblick auf sowohl diagnostische als auch therapeutische Perspektiven in der Diabetologie macht das diabetologische Arbeitsfeld zu einem äußerst spannenden und sich im Wandel befindlichen Gebiet! 

Stand in meinem bisherigen (stationären) klinischen Alltag oft eine Verbesserung des Glukoseprofils und HbA1c im Vordergrund, sehe ich nach den vielfältigen Tagungs-Symposien, dass Diabetologen zukünftig so viel mehr werden tun müssen als CGM-Kurven auszuwerten und Insulindosen anzupassen!

Die Basis des diabetologischen Alltags wird zunächst die Erkennung der neu definierten Hochrisiko-Subtypen sowohl von Prädiabetes- als auch Diabetes-Patienten sein und eben diesen eine besondere Aufmerksamkeit in Form von Aufklärung und präventiven Interventionen entgegenzubringen. Den Kollegen der Pädiatrie kommt eine noch bedeutendere Rolle im Rahmen der Früherkennung zu. Mit großer Freude habe ich von Ansätzen zu Interventionen im Sinne der Sekundärprävention bei Kindern mit Typ 1 Diabetes erfahren (z.B. der Einsatz von oralem Insulin zur Toleranzsteigerung oder die Gabe des Anti-CD2-Antikörpers Teplizumab). Die interessanten Beiträge zu Früherkennungsstudien haben mir gezeigt, dass auch wir den pädiatrischen Kollegen unter die Arme greifen können, nämlich im Rahmen einer Aufklärung unserer Diabetes-Patienten mit Kinderwunsch über Programme wie Freder1k (Ermittlung des genetischen Risikos für einen T1DM) oder Fr1da (Auto-Antikörper-Screening).

Die – vornehmlich kardiovaskuläre sowie renale – Risikoevaluation unserer erwachsenen Patienten und damit einhergehende Prognose-basierte Therapie wird zukünftig unsere Therapieentscheidungen relevant lenken (SGLT2-Inhibitoren bei Herzinsuffizienz und chronischer Nierenerkrankung bzw. GLP1-Rezeptoragonisten bei KHK, bei entsprechendem Risikoprofil auch unabhängig vom HbA1c!) und dadurch die Prognose für unsere Patienten hoffentlich signifikant beeinflussen können. Ein anamnestisches Screening auf Herzinsuffizienz-Symptome bei allen Diabetes-Patienten – wie im Symposium von Prof. Nikolaus Marx vorgeschlagen – wird sicher auf meine Anamnese-Liste kommen. Dass die Wirkstoffklasse der SGLT2-Inhibitoren multidisziplinär einsetzbar wird und sowohl die Primär- als auch Sekundärprävention der Herzinsuffizienz beeinflussen kann, erlegt den Diabetologen den notwendigen Blick außerhalb ihres Fachgebietes auf.  Die erwartete Zulassung des oralen GLP1-Rezeptoragonisten Semaglutid erweitert unser Spektrum der oralen Antidiabetika und einer – im Vergleich zur subkutanen Injektion – vermutlich Compliance-freundlicheren um eine Wirkstoffklasse!

Doch trotz der multiplen therapeutischen Veränderungen darf auch die Relevanz der CGM-und Pumpen-Systeme nicht unerwähnt bleiben. Die Ergebnisse der CGM-Train-Studie haben mir gezeigt, wie wichtig die Einbeziehung und gute Aufklärung unserer Patienten über CGM-Systeme für den Therapieerfolg sind – ein Aspekt, der in meinen Augen manchmal im Alltag aus Zeitgründen eher untergeht. Mit Respekt habe ich von den Erfolgen und dem Einsatz der „Looper-Community“ gehört, ein Hoffnungsschimmer in Anbetracht des bisherigen Fehlens eines kommerziellen AID-Systems.

Fazit für mich nach der DDG-Herbsttagung ist: Der Diabetologe braucht eine neue Version 2.0! Die reine Beschränkung auf eine optimale Glukosestoffwechsel-Einstellung reicht längst nicht mehr aus, der Blick über den diabetologischen Tellerrand und damit einhergehend eine noch breitere gesamtinternistische Betrachtung des Diabetes-Patienten ist unerlässlich, um individualisierte Therapieentscheidungen treffen zu können.

Meine bisherige Erfahrung zeigt, der Weg zu einem guten Diabetologen ist Teamarbeit, insbesondere „conversational learning“ – wie vom Keynote Speaker Prof. Wolfgang Wahlster erwähnt – ist hier von immenser Bedeutung. Mein Wunsch ist eine Stärkung und Förderung eben dieses „conversational learning“ auch im klinischen Alltag mit der Bitte an die erfahreneren Diabetologen und Diabetesassistenten, das so wertvolle, langjährig angesammelte Wissen auch außerhalb von Symposien weiterzugeben, nur so können wir unseren Patienten zukünftig die beste Medizin bieten!

DR

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