Telemedizin in der Diabetologie:

„Time in range“ als primärer Parameter in der telemedizinischen Betreuung?

Die Digitalisierung geht in Deutschland nur schleppend voran. Aufgrund der aktuellen pandemischen Ausnahmesituation drängt sich die Notwendigkeit einer Digitalisierung jedoch zunehmend auf. Auch der medizinische Sektor bleibt davon nicht verschont. Insbesondere da Patient*innen den Weg in die Arztpraxis aus Angst vor einer Ansteckung mit COVID-19 häufig scheuen, liegt es in der Verantwortung des medizinisches Fachpersonals sowie der Politik jenen Patienten über die Telemedizin die Möglichkeit einer ärztlichen Behandlung zur Verfügung zu stellen. Auf politischer Ebene scheint man sich dieser Aufgabe zumindest in Teilen bewusst, sodass Krankmeldungen nun telemedizinisch ausgestellt werden können. Dass per Videosprechstunde nicht alle medizinischen Probleme gelöst werden können, versteht sich von selbst. Insbesondere in der Diabetologie werden jedoch die Unmengen an Daten, die durch Sensoren und Pumpen erzeugt werden, nicht ausschöpfend genutzt. Gerade hier ist eine stetige Verlaufskontrolle und Anpassung der Therapie aber entscheidend.

Ein Wert, der zur Verlaufsanalyse des Diabetes herangezogen wird, ist oftmals der HbA1c. Für ihn spricht die Vergleichbarkeit und seine weitläufige Verwendung, aber auch die Tatsache, dass er hochprädiktiv für vaskuläre Komplikationen ist. Der HbA1c hat jedoch auch Schwächen. Neben der nur unzureichenden Widerspiegelung der kurzfristigen Blutzuckervariabilität und Therapieanpassungen, hat mir der Vortrag von Prof. Dr. Danne vor Augen geführt, dass es bei der Verwendung des HbA1c zu Diskrepanzen der Glykierungsraten in ethischen Subgruppen kommt und dass er unzuverlässig bei einigen Grunderkrankungen wie der terminalen Niereninsuffizienz ist.

Stattdessen könnte die time in range (TIR) als Verlaufsparameter herangezogen werden. Wie bereits erwähnt liefern die CGM-Geräte hierzu unzählige Daten, wobei anzumerken ist, dass nicht jeder Patient im Besitz eines CGM-Gerätes ist. Der Vortrag fasste die auf der Conference on Advanced Technologies & Treatments for Diabetes vereinbarten Zielwerte der TIR übersichtlich zusammen und verdeutlichte sehr schön, dass auch die time in range ein aussagekräftiger Wert zur Vorhersage Diabetes-bedingter Komplikationen wie der Retinopathie und Mikroalbuminurie ist. Nichtsdestotrotz ist die Studienlage hierzu noch ausbaufähig. Besonders spannend war die Darstellung der TIR bei Menschen aus Italien und Spanien mit Typ 1 Diabetes während des Lockdowns, die sich in beiden Ländern verbessert hat, wobei das meiner Einschätzung nach keinen Rückschluss auf die Eignung der time in range als Verlaufsparameter per se zulässt.

Fraglich ist, wie die TIR für die Patient*innen anschaulich dargestellt werden kann. Professor Danne stellte hier das Akronym FNIR (flat, narrow and in range) vor, das mir eine leicht verständliche Anschauung für Patient*innen zu sein scheint. Durch Laufzettel mit entsprechenden Begriffserklärungen stellte Professor Danne dar, wie man mit den Patient*innen schnell auf eine Kommunikationsebene kommen kann. Ein größeres Problem sehe ich darin, dass viele Diabetespatient*innen nicht mit einem CGM-Gerät ausgestattet sind und die einzelnen Anbieter, wie auch schon von Professor Danne erwähnt, nicht miteinander kooperieren. Hier bedarf es einer juristischen Regelung. Auch die Liebe zum Datenschutz dürfte in Deutschland eine Hemmschwelle für die Etablierung der Telemedizin im Allgemeinen sein. Dabei würde sie für Diabetespatient*innen viel leisten können; es fehlt bloß noch an der Umsetzung.

Sarah Karstedt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.