Von der Stimmgabel zur Smartphone-App – Neue Diagnostik-Wege in der Polyneuropathie

Unkonventionell – was könnte in einem Programm mit einer Vielzahl an verheißungsvollen Themen aus der Masse herausstechen, wenn zwischen mehreren gleichzeitig laufenden Symposien entschieden werden muss? Diese Frage haben mehr Kongress-Teilnehmer mit „Unkonventionelle Diagnostik bei Neuropathie“ beantwortet, als der Saal Sitzplätze geboten hat. Passenderweise begann PD Dr. Ovidiu Alin Stirban augenzwinkernd mit den Worten, er habe einen unkonventionellen Titel für sein Thema gesucht.

Ein großes Problem der distalen sensorischen Polyneuropathie (DSPN) ist, dass sie häufig nicht erkannt wird. In einer Studie von Ziegler et al. (2018) wurde gezeigt, dass die schmerzhafte DSPN bei bekanntem Diabetes in 62% der untersuchten Fälle nicht diagnostiziert wurde, bei der schmerzlosen DSPN waren es sogar 81%.

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Einbahnstraße Typ-2-Diabetes?

Symposium: Curing diabetes – dream or reality

Weltweit ist die Prävalenz von Typ-2-Diabetes stark zunehmend, ebenso sein größter Risikofaktor: Fettleibigkeit. Gewichtsabnahme gilt daher als wichtiges Mittel, der Erkrankung vorzubeugen und ein Fortschreiten zu verhindern. Die Effekte gehen wohl aber noch darüber hinaus, wie kürzlich veröffentlichte und auf dem DDG-Kongress vorgestellte Daten zeigen:

Unter der Federführung von Prof. Roy Taylor und Prof. Michael Lean konnte im Rahmen der „Direct“-Studie bei 149 übergewichtigen Patienten (BMI 27-45 kg/m2) mit Typ-2-Diabetes gezeigt werden, dass sich über eine radikale Gewichtsabnahme von 10 kg Körpergewicht bei knapp jedem zweiten Patienten eine Remission erreichen lässt. Beträgt der Gewichtsverlust 15 kg, tritt sogar in 89% der Fälle eine Remission ein (Lean et al., Lancet 2018 Feb; 391:541-551). Unter Remission wird dabei eine Senkung des HbA1C unter 6,5% verstanden, dies ohne jede pharmakologische Diabetesmedikation. Bei den kürzlich veröffentlichen 2-Jahres-Daten war jeder dritte Patient weiterhin in Remission (Lean et al., Lancet Diabetes Endocrinol. 2019 May; 7(5):344-355) , was die Bedeutung einer Lebensstiländerung für die Therapie des Typ-2-Diabetes unterstreicht. Je früher nach Erstdiagnose dabei das Gewicht gesenkt werden kann, desto eher ist die harte Arbeit von Erfolg gekrönt. Ein „zu spät“ gibt es dabei jedoch nicht. Auch viele Jahre nach Diagnose ist eine Remission noch erreichbar.

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CGM ab Erstmanifestation – oder: “Je früher, desto besser?“

Aufgrund der Vielzahl spannender Themen auf dem Kongress war es gar nicht so einfach, sich für ein Thema für den Blog zu entscheiden. Daher habe ich mich entschieden über eine Behandlungsstrategie zu bloggen, die ich persönlich seit ungefähr 1,5 Jahren nutze: die kontinuierliche Glukosemessung (rt- und iscCGM). Zum Zeitpunkt meiner Diagnose vor ungefähr 20 Jahren war daran noch gar nicht zu denken. Doch die CGM gewinnt zunehmend an Stellenwert in der Behandlung (vorrangig) des Diabetes Typ 1 (T1D). Dies wirft die Frage auf: Ab welchem Zeitpunkt sollte dieses System in der Therapie eingesetzt werden?

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1921 bis 2019 – bleibt Insulin die einzig sinnvolle Therapie des Typ-1-Diabetes? Eine Diskussion über SGLT2-Inhibitoren als Therapieerweiterung

1921 entdeckten Frederik Banting und Charles Best das Hormon, um das sich heute so viel dreht: das Insulin. Wie vielfältig die Wirkung und der Einfluss auf unseren Stoffwechsel sind, war da noch nicht klar. Dennoch ist es ein Durchbruch in der Diabetesforschung und die erste ‚echte Therapie‘ für tausende Diabetiker. Bis heute. 

Wie kann es sein, dass innerhalb von fast 100 Jahren Insulin die einzige Therapie für Typ-1-Diabetes bleibt? Oder ist es vielleicht gar nicht so aussichtlos, wie es klingen mag? 

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Typ-2-Diabetes heilen… Traum oder Realität?

Auf dem DDG-Kongress durfte ich Teil eines außergewöhnlich spannenden Symposiums sein: Es ging um die Frage, ob Typ-2-Diabetes (T2D) heilbar ist.
Die 4 dazu vorgestellten Vorträge haben ausdrücklich gezeigt, dass der T2D tatsächlich vor allem in den ersten Jahren reversibel zu sein scheint. Was ich als Zuschauer an den Vorträgen besonders interessant fand, ist dass Uneinigkeit darüber zu herrschen scheint, ob dies mit einer strengen Diät zu erreichen wäre oder ob hierfür auf Operationen wie die Magen-Bypass-OP gesetzt werden müsse.

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Impfung gegen Typ-1-Diabetes in Sicht?

Am Nachwuchstag wurde die Frage nach Voraussetzungen für eine Diabetesimpfung gestellt. Impfungen sind aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken und haben schon erfolgreich die Prävention verschiedener Krankheiten vorangetrieben. Warum also nicht auch gegen eine chronische Erkrankung wie den Diabetes impfen?

Frau Dr. Carolin Daniel vom Helmholtz Zentrum München stellte die gestörte Immuntoleranz bei Menschen mit Typ-1-Diabetes in den Vordergrund, da bei diesen die Autoimmunität überwiegt. Normalerweise sorgen regulatorische T-Zellen, sog. Tregs, in den verschiedensten Bereichen für die Unterscheidung von körpereigenen und körperfremden Antigenen und somit für eine Immuntoleranz. Bei der Entstehung von Autoantikörpern, wie z.B. beim Diabetes Typ 1, entsteht ein Ungleichgewicht zugunsten der Autoimmunität ohne dass es zunächst zu klinischen Symptomen kommt.

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Sportliches Engagement für den guten Zweck

Was für eine fantastischen Veranstaltung! Auch in diesem Jahr war der Diabeteslauf für mich eines der Highlights des Kongresses. Keine andere Veranstaltung vermag es so viele Teilnehmer verschiedener Altersgruppen in einer Leidenschaft zu vereinen.

Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie der Bogen zwischen jung und alt, gesund und krank, sportlichem Ehrgeiz und der Freude an Bewegung bis hin zum olympischen Gedanken „dabei sein ist alles“ gespannt wird. Vom ersten bis zum letzten Sportler feuerten die Zuschauer und Fans an der Strecke die Teilnehmer an. So warteten alle Teilnehmer im Ziel, um die letzten Walker nach 5,5km mit einer Laola-Welle zu empfangen.

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Diabetes und Schwangerschaft – nach wie vor ein kompliziertes Paar

Diabetische Nephropathie, Retinopathie, Neuropathie und diabetischer Fuß – dies sind die klassischen, allseits bekannten Komplikationen eines schlecht eingestellten Diabetes. Aber wie sieht das Ganze in der Schwangerschaft aus?

Diabetesassoziierte Komplikationen in der Schwangerschaft können im Extremfall bis zum intrauterinen Fruchttod führen. Einen Einblick in diese spannende und aktuelle Thematik konnte uns PD Dr. med. Tanja Groten am Freitag beim DDG-Kongress 2019 geben.

Anfangs ein paar Zahlen: Laut der WHO beträgt die perinatale Sterblichkeit in Entwicklungsländern ganze 3%, in Industrienationen ca. 0,3%. Diese Rechnung wurde jedoch ohne den Diabetes gemacht: bei Patientinnen mit einem Typ-1-Diabetes liegt die perinatale Todesrate für das Kind bei weltweit 1-2%, also fast 10-mal so hoch! Woran liegt das? Hat vielleicht die Plazenta etwas damit zu tun?

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Glukagon nasal oder als Minidosis – der neue Begleiter für alle Lebenslagen von Typ-1-Diabetikern?

Neben den verschiedenen technischen Geräten, die ein Typ-1-Diabetiker ständig bei sich führt, gibt es einen weiteren treuen Begleiter: den Traubenzucker. Er stellt das Mittel der Wahl dar, um Hypoglykämien frühzeitig und schnell entgegenzuwirken. Sollte es sich um eine sehr schwere Hypoglykämie handeln, ist die präklinische intramuskuläre Injektion von Glukagon von Bedeutung. Prof. Meissner (Universitätsklinik Düsseldorf) stellte Studien zu vielversprechenden Alternativen zur Behandlung der Hypoglykämien vor.

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Wenn sportliche Betätigung keine Wirkung zeigt

Im allgemeinen Volksmund ist bekannt, dass Bewegung und sportliche Aktivität positive präventive Effekte auf metabolische und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Menschen, die trotz ausreichender Bewegung keine Gewichtsreduktion erreichen wird jedoch häufig unterstellt das Trainingsprogramm nicht korrekt auszuführen oder in ihrer Ernährungsweise ungesund zu leben. Solch eine Unterstellung könnte diesen Menschen Unrecht geben, die, bezogen auf körperliche Aktivität, zu den sogenannten Non-Respondern gehören.
Dr. Pesta (Düsseldorf) sprach zu diesem Thema und über neue Forschungsinhalte in dem Symposium „Neue Ansätze bei der Prävention durch Sport“.

Normalerweise würde man folgende Dinge bei Bewegung erwarten:
Der Metabolismus wird erhöht, ebenso die Hautdurchblutung und der Sauerstoffbedarf und -transport, das zentrale Nervensystem wird angeregt, die Skelettmuskulatur verstärkt genutzt und aktiviert.
Ein Responder würde auf diesen Reiz mit der Anschaltung von bestimmten Genen und Transkriptionsfaktoren reagieren und z.B. eine bessere Insulinsensitivität erreichen. Es stellt sich ein Trainingseffekt ein. Bei Resistenz oder sogenannten Non-Respondern bleibt dieser positive Bewegungseffekt weitestgehend aus.

In einer Studie mit Patienten mit Typ-2-Diabetes zeigte sich eine heterogene Anpassung auf ein standardisiertes Trainingsprogramm (10 Wochen, 4x/Woche Training, Messung von in-vivo Mitochondrienfunktion und Insulinsensitivität). Während Responder mit einer verbesserten Insulinsensitivität reagierten, zeigten Non-Responder keine Verbesserung oder sogar eine Verschlechterung des HbA1c. Dr. Pesta und seine Arbeitsgruppe sind nun bemüht, herauszufinden, was molekulare Grundlage für diese unterschiedliche Trainingsantwort sein kann und wie Patienten geholfen werden kann, die auf ein Standardtraining nicht ansprechen.

Diskutiert werden Methylierungsunterschiede im Muskel, die Einfluss auf den Glutathionstoffwechsel und damit die antioxidative Abwehr haben; sowie genetische Faktoren. In Bezug auf den NDUFB6-Polymorphismus konnte gezeigt werden, dass Träger eines bestimmten Allels nach Bewegung eine bessere Insulinsensitivität zeigten. Dieses Gen, das für die Untereinheit 1 der Atmungskette kodiert, moduliert möglicherweise auch den Effekt der Bewegung.

Dr. Pesta machte in seinem Vortrag deutlich, dass es keine standardisierte Reaktion bei Menschen auf bestimmte Trainingseinheiten gibt: Es ist daher wichtig herauszufinden, wie man Menschen helfen kann, die nicht auf herkömmliche Bewegungsangebote ansprechen.

Debora Ruf