Stressdiabetes als Überlebensvorteil

26. Mai 2017 Privatdozent Dr. Michael Haap

Als wir am Freitag um kurz vor 12 den Sitzungssaal „Pfeiffer“ durch den Vordereingang betreten wollten, schüttelte die nette DDG-Helferin schon lachend den Kopf. „Versucht es am besten gleich am Hintereingang.“ Dort angekommen steckten wir vorsichtig den Kopf durch die Tür und merkten schnell: Dieses Thema scheint nicht nur uns, sondern auch die Menge zu interessieren. Glücklicherweise konnten wir noch einen Stehplatz in der letzten Reihe ergattern.

PD Dr. Michael Haap hatte kaum das Podest betreten da war klar: Nicht nur das Thema war interessant, er würde seine vorbereitete Präsentation mit einer derartigen Leidenschaft vortragen, die auch die Aufmerksam von jenen wecken würde, deren Gedanken schon zur bevorstehenden Mittagspause und der zweiten Runde Kaffee in der beeindruckenden Industriehalle schweiften.

Er legte also los mit seinem Thema: „Diabetes-Insulintherapie bei Sepsispatienten“ und wir hofften nicht nur zu erfahren, wie man vorzugsweise vorgehen soll, wenn der Blutzucker eines Patienten auf Intensivstation in die Höhe schießt, sondern auch wie das Ganze in der Realität ablief. Wir wurden nicht enttäuscht.

Der „Diabetes of injury“ sei eine uniforme Reaktion des Körpers auf eine Stresssituation und trete unabhängig von exogen zugeführter Glucose, aber auch unabhängig von einem schon vorbestehenden Diabetes auf. Der hohe Blutzucker (BZ) verursache eine Hyperglykämie, welche nicht nur die Mortalität sondern auch die Rate der Komplikationen und der Organdysfunktionen erhöhe. Folglich würde auf Intensivstation i.v.-Insulin gegeben. Dr. Haap stellte im Verlauf mehrere Studien vor, in denen schnell mehrere Dinge klar wurden: Die Insulin-Therapie ist mit einem enorm erhöhten Risiko für eine Hypoglykämie assoziiert; eine moderate BZ-Einstellung (<150mg/dl) hat keinen Benefit in Bezug auf die Krankenhausmortalität; eine normoglykämische BZ-Einstellung (<110mg/dl) hat sogar eine erhöhte 90-Tage-Mortalität in Intensivpatienten hervorgerufen. Auch die BZ-Variablilität stellte einen wichtigen Risikofaktor für erhöhte Mortalität dar.

Es gelte also zusammenfassend drei Dinge zu vermeiden: Hyperglykämie, Hypoglykämie und BZ-Variabilität.

Wie ist das Ganze nun am besten zu erreichen? Laut Leitlinie sollte bei instabilen Patienten alle 60-120 Minuten eine BZ-Messung erfolgen oder eine kontinuierliche BZ-Messung ermöglicht werden. Eine i.v.-Insulin-Therapie sei ab einem BZ von >180mg/dl indiziert. Inwieweit dieses System in der Praxis umsetzbar ist, sei fraglich. Dr. Haap projizierte eine Tabelle auf die Leinwand, in welcher er errechnet hatte, dass unter Umsetzung des leitliniengerechten Systems eine Pflegekraft, die im Mittel für 3 Patienten gleichzeitig verantwortlich ist, fast eine dreiviertel Stunde ihrer 8-Stunden-Schicht für die BZ-Messung opfern müsste.

Der Vortrag war eine große Bereicherung, nicht nur weil er faktisch viel bot und Dr. Haap den Bereich der Intensivmedizin fantastisch vertrat, sondern vor allem weil er zum Nachdenken aufrief.

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