Stigmatisierung: Eine ernstzunehmende Belastung

“Thoughts about people you didn‘t know you had”, so beginnt Susan Clever, Psychologin in einer Schwerpunktpraxis für Diabetologie in Hamburg, ihren augenöffnenden Vortrag über die Stigmatisierung bei einem Symposium der Diabetes Herbsttagung im November 2021 in Wiesbaden. Zunächst wurden von der Referentin generelle Aspekte der Stigmatisierung beleuchtet, bevor im Verlauf von weiteren Rednerinnen und Rednern der Fokus auf die spezifischen Erkrankungen Diabetes und Adipositas gelenkt wurde.

Das Stigmatisieren hatte den evolutionären Vorteil, Informationen und Erfahrungen unbewusst zu erfassen und wir somit schnell auf mögliche Gefahren reagieren können. Hierbei werden Situationen kategorisch eingeordnet und fehlende Informationen automatisiert ergänzt. Heute stellt es uns allgemein, aber insbesondere im medizinischen Kontext vor die Aufgabe, unsere Gedanken zu evaluieren und auf Richtigkeit zu prüfen.
Binnen Sekunden entscheiden wir, größtenteils ohne darüber nachzudenken, und oft schwingt dabei auch eine persönliche Wertung mit.

Eindrücklich ist, dass eine Diskrepanz in der Einschätzung von Stigmatisierung von Menschen mit Diabetes mellitus zwischen der Öffentlichkeit und Betroffenen vorliegt. Während die Allgemeinheit Diabetes nicht als stigmatisierende Erkrankung einschätzt, empfinden Angehörige das ganz anders. Bei Erkrankten selbst ist die Anzahl der sich stigmatisiert fühlenden Menschen am höchsten. Insbesondere Betroffene mit Typ-I Diabetes fühlen sich, vermutlich durch das notwendige Spritzen von Insulin, belastet. Insgesamt 10% der Erkrankten geben an, Diskriminierung, Intoleranz und mangelndes Verständnis zu erfahren. Dabei ist es immens wichtig zu verstehen, dass Stigmatisierung nicht unbedingt objektivierbar sein muss, sondern das gefühlte Stigma die größere Relevanz hat.
Als angehende Ärztin ist es wichtig, mir über meine eigenen, teils automatisierten Denkprozesse klar zu werden. Die von Susan Clever angeregten Lösungen sind dabei hilfreich: Automatisierte Gedanken sind nicht gleichzusetzen mit unumgänglichen Gedanken. Mit Menschen in Kontakt zu treten kann Stigmata auflösen und ein Perspektivwechsel fördert Empathie und Verständnis gegenüber Patienten und Patientinnen. Auch das Stichwort „Individuation“ ist nennenswert – das bewusste Bevorzugen von individuellen Patientendaten, dabei keine Schätzungen vornehmen, sondern mit objektivierbaren Instrumenten, wie beispielsweise Checklisten, arbeiten.

Mir ist während des Vortrags die Relevanz der Thematik klar geworden und ich hoffe, mich in meinem weiteren beruflichen Handeln immer wieder an die Worte und vor allem die Lösungsstrategien erinnern zu können, um Menschen möglichst vorurteilsfrei gegenüber treten zu können.

Cécile Gobin

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