Kritischer Nachwuchs

Am letzten Tag bei dem Symposium „Ernährungsupdate“ im großen Mozart-Saal war für mich besonders der letzte Vortrag interessant. Es ging um „Hafertage“ – einen Therapieansatz, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Der Diabetesberater Mario Althaus erzählte von dem Therapieansatz der „Entlastungstage“, an welchen die Patienten ausschließlich Kohlenhydrate in hypokalorischer Form zu sich nehmen. Mit seiner lockeren und offenen Art weckte er bei mir großes Interesse, auch wenn dieser Therapieansatz zunächst seltsam klingt.

Besonders beeindruckt hat mich, dass er bei seinen besonders schwer einstellbaren, insulinresistenten Patienten eine kontrovers diskutierte Therapieform anwendet, anstatt einfach noch mehr Insulin spritzen zu lassen.

Er berichtete, dass er und seine Patienten sehr positive Erfahrungen mit dieser Therapie gemacht haben, ohne sich jedoch dabei als Erfinder oder als absoluten Verfechter dieser Therapieform darzustellen.

Direkt nach diesem Vortrag fand unser Abschlusssymposium statt. Hier werden von uns Reisestipendiaten besonders interessante Themen vorgestellt. Da das „Ernährungsupdate“ direkt vor unserer Abschlussrunde lag ,hatte ich nicht erwartet, einen Beitrag zu den Hafertagen zu hören.

Daher war ich erstaunt, dass auf die Frage nach Kritik genau dieser Vortrag sehr kritisch unter die Lupe genommen wurde. Es wurden Stimmen laut, dass der Vortragende „rein eminenzbasiert, nicht wissenschaftlich und absolut ohne Evidenz“ über sein Thema gesprochen habe.

Schnell gab es jedoch auch eine Gegenrede, denn im Publikum des kontrovers diskutierten Vortrages hatten viele Reisestipendiaten mit unterschiedlichen Meinungen gesessen. Es wurde herausgestellt, dass der Vortragende seine Erfahrungen ausschließlich teilen und zur Diskussion stellen wollte.

Empirische Darstellungen von erfahrenen Diabetes-Teammitgliedern haben auf einem Kongress durchaus Gehör verdient, was im außerordentlich langen Applaus nach dem Vortrag deutlich wurde.

Ich vertrete die Ansicht, dass Erfahrungsberichte zu neuen Erkenntnissen führen und die sich daraus ergebenden Fragen die Grundlage von klinisch-wissenschaftlicher Arbeit darstellen. Ohne diese Erfahrungsberichte würde eine große Menge klinischer Expertise und neue Denkanstöße verloren gehen. Nicht jeder Vortrag auf einem wissenschaftlichen Kongress braucht Studien als Grundlage, – so lange dies auch deutlich gemacht wird.

Insgesamt zeigte sich die Diskussion beim Abschlusssymposium der Reisestipendiaten als fruchtbar, denn sie beweist, dass der Nachwuchs nicht nur alles aufsaugt, sondern aktiv hinterfragt und kritisiert.

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