Krankenhausinformationssysteme – Beobachtungen eines PC-Freaks

Von Jonas Kortemeier

Als frischer Assistenzarzt hat man viel zu lernen. Neben einer riesigen Menge an organisatorischen Dingen, Abläufen, Strukturen und den Unterschieden der vor Ort praktizierten Medizin im Vergleich zur Lehrmeinung an der Uni gilt es möglichst schnell Praxiswissen zu erlangen und ein bisschen weniger überfordert zu sein. Dazu kommt dann noch ein enormer Berg an geradezu wahnsinnigem Dokumentationsaufwand. Als PC-erfahrener Jungspund dachte ich, dass ich zumindest für die Rechner-gebundenen Aufgaben nicht mehr Zeit als nötig verlieren würde. Schief gewickelt.

Schon als Pflegepraktikant waren mir vor mittlerweile mehr als 6 Jahren große Defizite diverser Krankenhausinformationssysteme (KIS) aufgefallen. Damals führte ich die Probleme der Mitarbeiter allerdings auf mangelnde Schulung und die so häufig geringe PC-Erfahrung der „älteren Generationen“ zurück. Im PJ, als ich selbst mehrere Systeme benutzen durfte/musste war ich dann überrascht, wie hoch die Benutzerunfreundlichkeit durch schlecht organisierte und nicht durchdachte Menüführung und wenig intuitive Schaltflächen war, wie instabil die Systeme teilweise liefen und dass die teilweise extremen Geschwindigkeitseinbrüche größtenteils User-unabhängig waren.

Jetzt als Assistenzarzt, am mittlerweile sechsten KIS (und 6 Jahre später, in Techniksachen eine komplette Ewigkeit) hat sich fast nichts geändert. Wenn ich heutzutage ein Programm starte, erwarte ich, dass ich durch meine langjährige Erfahrung mit verschiedensten Anwendungen ohne Anleitung zumindest mit den basalen Funktionen zurechtkomme. Stattdessen finde ich in den ganzen Systemen extrem uneinheitliche Abläufe, die eine – für meine Generation normale – intuitive Benutzung der meisten Programme unmöglich macht. Viele Schaltflächen sind redundant (ohne dass man dadurch profitieren würde) und einfache Standardaktionen benötigen teilweise mehr als 10 Mausklicks. Am meisten schockiert mich allerdings, dass die Programmierer scheinbar noch nie etwas von Mausrädern gehört haben oder von funktionierenden Scrollbalken. Das sind absolute Standardfunktionen, ohne die kein kommerzielles Produkt in der heutigen Zeit noch auskommt. Wenn nicht mal das klappt will ich gar nicht wissen wie es hinter den Kulissen aussieht.

Mein Vorschlag: Wenn die Führungsetagen das nächste Mal  ein tolles neues System anschafft, könnte sie es doch den jüngsten Mitarbeitern zum Test überlassen, anstatt die alten Hasen zu fragen, die ohnehin schon an komplizierte Systeme gewöhnt sind. Oder lieber die Power-User unter den Angestellten um ihre Meinung zu bitten, als blind irgendwelchen Herstellerversprechen und Werbevertretern zu vertrauen. Bei der aktuellen Dokumentations-Flut würde es sich garantiert zeitlich lohnen, wenn man gut konzipierte, intuitiv zu bedienende und in sich schlüssige Systeme hätte.

Ein Gedanke zu “Krankenhausinformationssysteme – Beobachtungen eines PC-Freaks

  1. Die Beschreibung ist 100% zutreffend und seit Beginn der KIS unverändert. Ich bin inzwischen niedergelassen und beobachte das mit Erstaunen aus der Ferne. Die Ignoranz/Arroganz der Hersteller ist nur so zu verstehen, das nicht der Anwender, sonder die Verwaltungen und die IT-Abteilungen als Kunden wahrgenommen werden. Ein offener Brief von hunderten empörter Anwender könnte aber etwas bewirken – zumindest haben Sie etwas Spass und toben sich aus.

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