Kopf über Bauch? – Unser Gehirn im Zentrum des Zusammenwirkens von Insulinsensitivität, Essverhalten und Körpergewicht

„Ohne Adipositasepidemie gäbe es keine Diabetes mellitus Typ 2 Epidemie.“ In Zeiten, in denen der Begriff „Epidemie“ fest im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert ist, wies dieser eindrückliche Satz von Professor Tschöp im Rahmen der diesjährigen Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Kooperation mit der Deutschen Adipositas-Gesellschaft e.V. (DAG) nicht nur auf die dramatisch steigende Prävalenz von Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 in der Weltbevölkerung hin, sondern öffnete außerdem ein komplexes Themenfeld rund um die Fragestellung nach Zusammenhängen zwischen Insulinresistenz, Adipositas und Essverhalten. 

Um diese Assoziationen zu erklären und der Fragestellung nachzugehen, warum Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 häufig miteinander vergesellschaftet sind, wurde in dem fachlich differenzierten Symposium „Brain & Metabolism“, geführt durch Professor Fenselau, Professor Kern und Professor Tschöp unser Gehirn als zentraler Modulator unseres Bauchgefühls identifiziert. Übergewicht ist längst nicht nur Ausdruck eines bestimmten „Lifestyles“ und ein Problem des Einzelnen. Adipositas wird als eine Erkrankung, die einer umfassenden Therapie auf mehreren Interventionsebenen bedarf, zur gesamtgesellschaftlichen Herausforderung. Doch um gezielt Therapiestrategien zu etablieren, bedarf es zunächst der Identifizierung pathophysiologischer Regelkreise und adipositasassoziierter Begleiterkrankungen.

Einen Schwerpunkt aktueller Forschung stellt dabei unter anderem das Lieblingshormon aller Diabetologen dar: Auch 100 Jahre nach seiner Entdeckung, lässt der Hype um Insulin nicht nach. Neuroendokrinologische Forschung liefert immer wieder Hinweise, wie die zentralnervösen Wirkungsmechanismen des Insulins die häufig miteinander assoziierten Erkrankungen Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 erklären könnten. Physiologisch wirkt Insulin auf Neurone des Nucleus arcuatus im Hypothalamus und kann so unseren Hunger stimulieren oder aber Sättigung vermitteln. Im gesunden menschlichen Metabolismus reduziert eine Hyperinsulinämie sogar unser Hungergefühl. In einer veränderten Stoffwechselsituation, wie Adipositas, zeigt sich allerdings kein Effekt von Humaninsulin auf Körpergewicht und Fettmasse, was zur These einer möglichen Insulinresistenz im Gehirn führt. Besteht eine zentralnervöse Insulinresistenz, kann so sogar eine Gewichtszunahme vorhergesagt werden.

Daraus ergibt sich wiederum das berühmte Henne-Ei-Problem: Gilt die zentralnervöse Insulinresistenz als Ursache der Adipositas oder führt Adipositas zu einer zentralen Insulinresistenz, wodurch der Teufelskreislauf einmal ins Rollen gebracht wird? Auf diese komplexe Frage gibt es bisher noch keine eindeutige Antwort. Was man mittlerweile jedoch weiß, ist, dass die zentrale Insulinresistenz mittels der Gabe von Humaninsulin oder dem lipophilen Insulin detemir durchbrochen und dadurch auch die Gehirnaktivität bei Personen mit Übergewicht beeinflusst werden kann. Ob eine zentrale Insulinresistenz auch durch Lifestyle Interventionen überwunden und so auf die Insulingabe verzichtet werden kann, ist Gegenstand aktueller Forschung.

Adipositas tritt daher zunehmend auch als “brain disease“ im wissenschaftlichen Kontext auf. Für die umfassende Behandlung und Beeinflussung zentraler Strukturen bedarf es zudem der Untersuchung, inwiefern Signale aus unserem Gastrointestinaltrakt, Gehirnfunktionen beeinflussen. In diesem Zusammenhang wird in der klinischen Forschung momentan dem dualen GLP-1/ GIP-Agonisten Tirzapetid viel Interesse gewidmet. Dieser potentielle “game changer“ im Blutzucker- und Gewichtsmanagement der erwachsenen Patientinnen und Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2, bündelt die Wirkung von zwei Inkretinen: Glucagon-like peptide-1 (GLP-1) und Glucose-dependent insulinotropic polypeptide (GIP). Während bereits in der Phase 2 Studie gezeigt werden konnte, dass sich der HbA1c und das Körpergewicht bei Betroffenen von Diabetes mellitus Typ 2 nach Einnahme von Tirzepatid signifikant verbesserte, lieferten klinische Studien der Phase 3 bisher ebenfalls deutliche Hinweise auf eine signifikante HbA1c-, sowie Körpergewichtsreduktion bei Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2. Tirzapetid gilt daher als Hoffnungsträger in der Behandlung des typischen metabolischen Risikopatienten, der die schwerwiegende Kombination aus Insulinresistenz und Übergewicht vereint. Therapeutische Targets, die unser Essverhalten auf zentralen Ebenen modulieren können und zu einer möglichen Gewichtsreduktion führen, ermöglichen die Aussicht auf eine Behandlung der Erkrankung ohne Einsatz invasiver bariatrischer Chirurgie. 

Insgesamt bot uns der Blick in das Innere unserer zentralnervösen Schaltstelle nicht nur neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, durch welche Mechanismen Adipositas und Diabetes mellitus miteinander assoziiert sind, sondern lieferte auch hoffnungsvolle Aussichten auf therapeutische Strategien, durch welche sowohl Insulinresistenz als auch Übergewicht überwunden werden könnten. Die Bedeutung derer ist enorm, denn die Auswirkungen kardiovaskulärer Folgeerkrankungen des metabolischen Risikopatienten wiegen in jeglicher Hinsicht schwer. Damit unsere Gesellschaft wieder leichter lebt, brauchen wir auch in Zukunft die Erforschung neuroendokrinologischer Regelkreise im Zusammenhang mit metabolischen Stoffwechselwegen, denn das haben wir nun gelernt: 

Für das richtige Bauchgefühl spielt unser Kopf eine bedeutende Rolle. 

Marleen Würfel

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