Ist Krebs leichter zu therapieren als Adipositas? Oder: Wie schaffen wir es, dass uns Haferbrei mesokortikal (wieder) ausreichend stimuliert?

Gibt es den „süchtigen Adipösen“? Existiert Fresssucht und wenn ja, wie können wir eine solche diagnostizieren und welche therapeutischen Besonderheiten gilt es zu beachten?

Im Symposium zur interdisziplinären Adipositastherapie wurde die spannende Frage diskutiert, ob der Suchtbegriff für psychoaktive Substanzen reserviert ist oder er auch auf die ins Belohnungssystem eingreifenden Nahrungsmittel ausgeweitet werden kann. Die Frage, ob es Menschen mit Adipositas gibt, bei denen eine Substanzabhängigkeit ursächlich für ihren metabolischen Zustand ist, kann nicht abschließend beantwortet werden. Hierbei wiederum ist unklar, ob nur eine Substanz der „Fresssucht“ zugrunde liegt oder eher von einer „refined highly palatable food use disorder“ ausgegangen werden sollte.
Andere Suchtmodelle in der Adipositasforschung gehen in Abgrenzung zur Substanzabhängigkeit von einer Verhaltenssucht ähnlich der Spielsucht aus: Die Nahrungsaufnahme als Akt zur Belohnungsbefriedigung steht im Mittelpunkt. Hierbei kristallisiert sich die besondere Problematik der „Esssucht“ heraus: Auf die Nahrungsaufnahme kann nicht wie auf den Besuch von Kneipen, die Alkoholabhängige meiden sollten, komplett verzichtet werden, was die Therapie eben dieser Sucht besonders verkompliziert, sodass einige Tumorentitäten in Anfangsstadien überspitzt gesehen sicherlich leichter therapierbar sind.

Problematisch an Suchtmodellen der Adipositas ist für den zumeist mit objektivierbaren Parametern arbeitenden Arzt weiterhin, dass diese vor allem auf phänomenologischen Kriterien basieren und somit eine rein objektive Beurteilung schwerfällt. Da jedoch für andere Suchterkrankungen verwendete Modelle, die als Suchtkriterien beispielsweise Kontrollverlust und eine soziale Beeinträchtigung ebenso wie riskanten Konsum auflisten, auch auf die Adipositas angewandt werden können, erscheint die grundsätzliche Klassifikation der Adipositas als Suchterkrankung angemessen.

Bei weiterer Subklassifizierung der als süchtig angesehenen Adipösen kristallisiert sich eine Subgruppe heraus, die sich durch einen hohen Grad an Impulsivität und ein Defizit an exekutiven Funktionen auszeichnet. Gerade bei dieser Gruppe gestaltet sich der konservativ geleitete Versuch eines Gewichtsverlustes häufig frustran, sodass eben diese Adipösen gezielt herausgefiltert und zusätzlich psychotherapeutisch therapiert werden sollten. Als verhaltenstherapeutisches Konzept hat sich eine Konfrontationstherapie als deutlich wirksamer als der ewige Aufruf zur Nahrungsmittelabstinenz bewährt, ebenso sollten alternative Belohnungsfaktoren manifestiert werden.

Nicht zu vergessen ist weiterhin, dass die Adipositas nicht nur eine Belastung des Betroffenen, sondern durch im Mittel gesteigerte (Ko)Morbidität und die in diesem Zuge hohen Gesundheitskosten auch eine Belastung unserer Volkswirtschaft darstellt. Der die gesamte Herbsttagung prägende Appell an die Politik, durch gesundheits- und ernährungspolitische Interventionen die „Versuchung“ für ebensolche impulsiven Menschen mit Adipositas zu reduzieren, wurde treffenderweise auch an dieser Stelle wieder verbalisiert. Gerade die impulsive Subgruppe der Adipösen, aber auch Kinder, würden beispielsweise von einem Werbeverbot für besonders kalorienhaltige Kost profitieren. Die Hoffnung, dass der Großteil der Bevölkerung allein durch gesundheitspolitische Maßnahmen bei weiterhin bestehendem Überangebot an prozessierter, süßer und kalorienreicher Kost jemals wieder den altertümlichen Zustand einer befriedigenden Nahrungsaufnahme durch den Verzehr von reinem Haferbrei erreichen kann, bleibt jedoch utopisch.

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