Interkulturelle Kompetenzen – oder doch „nur“ Mediziner*innen?

„Wir sind doch Mediziner*innen“, denken sicherlich bis heute viele von uns, unsere noch studierenden oder bereits approbierten Kolleg*innen. Das kulturelle oder soziale Umfeld der Patient*innen ist für viele von uns häufig etwas, das, wenn es überhaupt Beachtung findet, eher als eine zusätzliche Hürde auf dem Weg zu Diagnose und Therapie wahrgenommen wird. Dabei können genau diese Aspekte versteckte Risiko- oder Einflussfaktoren darstellen, die in bestimmten Situationen hochrelevant werden können.

Während der Tagung konnte ich, entgegen meiner ursprünglichen Erwartung, dass Kongresse sich vor allem auf die neuesten Erkenntnisse aus klinischer oder Grundlagenforschung konzentrieren, an diversen Symposien teilnehmen, die sich mit sozialen und kulturellen Fragen und deren Einfluss auf die Patient*innen-Gesundheit auseinandergesetzt haben. In diesem Kontext ist nicht nur unser Un-Wissen relevant und zum Teil sogar gefährlich, sondern vor allem auch unsere Voruteile, die sich in unseren Köpfen formen, noch bevor wir die Möglichkeit haben, wahrhafte Informationen zu einer uns fremden Kultur sammeln zu können.

Überrascht hat mich daraufhin im Symposium zu Migration, Schwangerschaft und Diabetes, dass wir bisher Migration als einen möglichen Risikofaktor bezogen auf die maternale Gesundheit in der Schwangerschaft sowie das fetale Outcome wahrgenommen haben, Studien jedoch zeigen, dass dies nicht generell der Fall ist. Stattdessen haben diverse Studien gezeigt, dass bestimmte Risikofaktoren sich zwar stark zwischen verschiedenen Kulturkreisen unterscheiden können, jedoch nicht generalisiert mit Migration in Verbindung gebracht werden können. So haben beispielsweise vor allem Frauen mit türkischem Ursprung ein gegenüber Frauen aus deutschsprachigen Kulturen stark erhöhtes Risiko einen Gestationsdiabetes zu entwickeln. Außerdem können sich kulturelle Traditionen wie beispielsweise der Ramadan, der Fastenmonat muslimischer Kulturen, negativ auf eine bestehende Schwangerschaft auswirken. Das Fasten beeinflusst das fetale Outcome vor allem im ersten Trimenon, sodass eine frühe, kultursensitive Beratung essentiell ist.

Sowohl im Studium als auch im späteren Beruf reicht es demnach in unseren heute zunehmend diverser werdenden Gesellschaften nicht mehr aus, sich allein mit dem „Regelfall“ zu beschäftigen. Es reicht nicht, die Medizin allein auf Evidenz und verschiedene, objektive Messgrößen zu basieren. Wir müssen (noch besser) lernen, den gesamten Menschen hinter einer Diagnose wahrzunehmen und versuchen, in möglichst vielen Dimensionen zu verstehen.

Pia-Marie Droste

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