„Ich fühlte mich unerwünscht“: Fallbericht von einem PJ in einer großen deutschen Klinik

Von Jonas Kortemeier

Mit großer Vorfreude hatte ich mein praktisches Jahr (PJ) erwartet. Das zweite Staatsexamen lag gerade hinter mir, dank online Lernprogramm hatte das Lernen sogar Spaß gemacht. Ich hatte größte Lust das Gelernte endlich anzuwenden und fühlte mich zumindest von der Theorie her fit für die Klinik.

So meldete ich mich an meinem ersten Tag in der Klinik – höchst motiviert und bereit drei mal vier Monate lang ganz dem Paradebeispiel des lernfähigen und arbeitswilligen Medizinstudenten zu entsprechend. Zu meiner großen Enttäuschung schienen meine Kollegen jedoch weit weniger begeistert von meiner Anwesenheit. Im besten Fall ignorierte man mich, im schlimmsten schickte man mich genervt weg.

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Meine Tätigkeiten unterschied sich kaum von den in der Uniklinik üblichen Hiwi-Jobs: Blutabnahmen oder Zugänge, Haken halten im OP und Betten schieben standen für mich auf der Tagesordnung. Natürlich machte es mir prinzipiell nichts aus die Klinik auch in dieser Hinsicht zu unterstützen. Mir ist ja durchaus bekannt, dass Krankenhäuser mit immer weniger Personal immer mehr Arbeit verrichten müssen. Im Gegenzug hätte ich allerdings erwartet, dass die Ärzte zumindest etwas Interesse an meiner Anwesenheit zeigen und mir das ein oder andere beibringen. Zum einen ist das ja der Zweck meines PJ, zum anderen könnte ich so auch eine Bereicherung für die Klinik darstellen, wenn ich mit der Zeit neue Aufgaben übernehmen kann.

So hätte man das Haken-halten im OP auch nutzen können, um mir etwas über den jeweiligen Eingriff zu erklären. Stattdessen wurde ich höchstens hin und wieder mal abgefragt. Hatte ich die richtige Antwort nicht parat, wurde im besten Falle mein Nichtwissen kritisiert, im Schlimmsten wurde ich beleidigt. Ich fühlte mich eher wie ein Störenfried und vermutlich wäre dem behandelnden Arzt ein mechanischer Hakenhalter weitaus lieber gewesen.

Hin und wieder fielen mir auf der Station Abläufe auf, die ich aus den Leitlinien oder Vorlesung anders in Erinnerung hatte. Auf mein Nachfragen entgegnete man mir lediglich, dass das im Haus so üblich sei. Keine weitere Erklärung. Über den Umgang mit den Patienten war ich teilweise sehr bestürzt. So fragte ein schwer depressiver Patient morgens bei der Visite, ob er sterben müsse. „Nein, heute erstmal nicht“, lautete die wenig einfühlsame Antwort. Ich hoffe, dass ich mich meinen Patienten gegenüber nie so kurz angebunden verhalten werde.

Bei den Seminaren sah es auch nicht besser aus: ein gefühltes Drittel der Veranstaltungen wurde abgesagt. Aus den übrigen Veranstaltungen wurde ich nicht selten herausgerufen, weil ein dringender Zugang oder eine Blutentnahme anstanden. Auch wenn ich kein erfahrener Arzt bin, hatte ich den Eindruck, dass die Dringlichkeit dieser Aufgaben doch stark übertrieben wurde.

Eine positive Ausnahme möchte ich an dieser Stelle aber doch erwähnen. Eine junge griechische Assistenzärztin, die deutschsprachig noch ziemlich kreativ war, hat mir in wenigen Wochen mehr beigebracht, als alle Kollegen während des ganzen restlichen Jahres. Sie dachte während der Visite laut, war offen für meinen Input und beantwortete mir Fragen. Nach und nach erweiterte sie meinen Aufgabenbereich, ließ mich Visite machen, Arztbriefe oder die Anforderungen schreiben und Patienten bei der Chefvisite vorstellen. So musste sie weniger Überstunden machen und ich habe ordentlich was gelernt.

Immer wieder lese ich in der Zeitung, dass Deutschland ärztlichen Nachwuchs braucht. Ich habe mich als Nachwuchsmediziner jedoch nicht sehr willkommen gefühlt in meiner PJ-Klinik. Trotz Zeit- und Personalmangel muss sich doch eine Möglichkeit finden, einen hilfsbereiten Studenten in den Klinikalltag zu integrieren, sodass beide Parteien davon profitieren. Ich würde mich freuen, wenn das in der Diabetologie anders läuft.

Gibt es Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben?
Wie lief euer PJ ab?

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