Große Herausforderung für alle Beteiligten: Gestationsdiabetes bei Frauen mit Migrationshintergrund

Im Rahmen der Diabetes Herbsttagung 2021 durfte ich einen Workshop zum Thema „Diabetes – Schwangerschaft – Migration“ unter der Leitung von Dr. Stupin aus Berlin, Frau Karapinnar aus Osnabrück und Frau Krüger aus Gevelsberg besuchen, in welchem die großen Herausforderungen sowohl für die betroffenen Patientinnen als auch das betreuende medizinische Fachpersonal näher erläutert und mögliche Lösungsansätze diskutiert wurden.

Eine Immigration in ein fremdes Land mit einer fremden Sprache und Kultur – eine riesige Herausforderung, die ich mir kaum zutrauen würde. Wenn in dieser Ausnahmesituation noch eine Schwangerschaft hinzukommt und dann auch noch ein Gestationsdiabetes festgestellt wird, kann man die Überforderung und Unsicherheit der werdenden Mütter gut nachvollziehen. Auch für medizinisches Fachpersonal ist die Betreuung dieser Patientinnen nicht gerade leicht. Dabei sind Sprachbarrieren bei Weitem nicht das einzige Problem. Die Patientinnen sind zum Teil in einer völlig anderen Kultur sozialisiert worden, das Herkunfts- und Sozialisierungsland spielt eine große Rolle. Auch religiöse Unterschiede, Aspekte wie das Gesundheits- und Krankheitsverständnis, genetische Besonderheiten, Lebensformen, die finanzielle Situation, der Bildungsgrad, der Migrationsstatus und eine individuelle Esskultur müssen berücksichtigt werden. Vor allem im Bereich der Diabetologie, wo Lifestyle-Änderungen einen entscheidenden Therapiebaustein darstellen, ist eine kultursensible Herangehensweise mit entsprechend geschultem Personal eine wichtige Voraussetzung für den Therapieerfolg.


Bei Frauen mit Migrationshintergrund liegen deutlich häufiger Risikofaktoren für die Entstehung eines Gestationsdiabetes vor, als bei deutschen Frauen. Dazu gehören das genetisch bedingte höhere Risiko, im Lauf des Lebens an Typ-2-Diabetes zu erkranken, Übergewicht und Adipositas sowie eine höhere Parität. In Deutschland haben türkischstämmige Frauen eine 33 % höhere Gestationsdiabetes-Inzidenzrate im Vergleich zu einheimischen Frauen (1). Frauen aus Osteuropa und Asien hingegen haben ein niedrigeres Risiko für Adipositas, aber dennoch ein höheres Risiko, einen Gestationsdiabetes zu entwickeln, als Schwangere ohne Migrationshintergrund (2).

In einigen Kulturen wird die stetige Gewichtszunahme, insbesondere in der Schwangerschaft, als gesund und als Zeichen für Wohlstand angesehen. Manche Frauen fürchten sich extrem vor einer Therapie mit Insulin und nehmen Kontrolltermine bei diätisch unzureichend eingestelltem Diabetes dann einfach nicht mehr wahr. Eine adäquate Aufklärung über das Krankheitsbild, mögliche Folgen für Mutter und Kind bei ungenügender Blutzucker-Einstellung und die Therapiemöglichkeiten sind essentielle Voraussetzung für eine gute Compliance der Patientinnen.

Für eine gelungene Ernährungsberatung von Patientinnen mit Migrationshintergrund bedarf es mehr als eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher, der gängige Schulungen eins zu eins übersetzt. Die Kenntnisse über die individuellen Essgewohnheiten, die Lebensmittelauswahl und Zubereitungsart sind Voraussetzung für eine sinnvolle Beratung. Die Häufigkeit an warmen Mahlzeiten und der Anteil an Fetten und Kohlenhydraten variiert interkulturell extrem. Außerdem zu bedenken sind religiös bedingte Tabuisierungen von Lebensmitteln oder das Fasten im Ramadan für muslimische Menschen.

Der Anteil an Frauen mit Migrationshintergrund in Deutschland steigt stetig, deren Prävalenz und Inzidenz für Gestationsdiabetes ist hoch. Sowohl im stationären als auch im ambulanten, im gynäkologischen und diabetologischen Sektor müssen wir diese Patientengruppe stärker berücksichtigen und auf ihre individuellen Bedürfnisse besser eingehen, um die Frauen und ihre Kinder bestmöglich zu behandeln und vor Folgeerkrankungen zu schützen.

M. Korell


1. Reeske A, Zeeb H, Razum O et al. Differences in the Incidence of Gestational Diabetes between Women of Turkish and German Origin: An Analysis of Health Insurance Data From a Statutory Health Insurance in Berlin, Germany (AOK), 2005-2007. Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2012; 72 (4): 305–310. doi:10.1055/s-0031-1280428

2. El-Khoury Lesueur F, Sutter-Dallay AL, Panico L et al. The perinatal health of immigrant women in France: a nationally representative study. International Journal of Public Health 2018; 63: 1027–1036. doi:10.1007/ s00038-018-1146-y

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