Ernährungsmedizin als Wendepunkt im Kampf gegen Diabetes mellitus und den Klimawandel?

Ernährungsmedizin und die Forschung in diesem Feld gewinnen zunehmend an Bedeutung und stellen einen neuen Ansatzpunkt in der modernen Medizin dar, da laut der Global Burden of Disease Study der Lebensstil für den weltweiten Inzidenzanstieg der sogenannten „Noncommunicable Diseases“ (NCDs), wozu Diabetes mellitus Typ 2 zählt, verantwortlich ist. Als bisher umfassendste weltweite epidemiologische Beobachtungsstudie kommt ihr im Kampf gegen die NCDs eine Schlüsselrolle zu (Global Burden of Disease Study 2020).

 „Wissenschaft trifft Trends – welche Ernährung ist sinnvoll (und gesund)?“

Auch Stefan Lorkowski greift in seinem Vortrag die Problematik des Lebensstils auf und präsentiert hierbei die transferierten Erkenntnisse der GBD Study für den deutschsprachigen Raum mit seiner Arbeitsgruppe. Hiernach sind 46 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland auf eine unausgewogene Ernährung zurückzuführen und steigern die kardiometabolische Mortalität (Meier T et al. 2019).

Auch den Mythos der Low-Carb Diäten und der Low-Fat Diäten kann er hervorragend aufgreifen und klarstellen, sodass eher die Qualität der Makronährstoffe entscheidend ist als die eigentliche Relation. Bemerkenswert ist auch, dass die PURE Studie mit ihren methodischen Schwächen aufgegriffen wird und die Daten neu bewertet werden. Diese Studie hatte nämlich bereits in der Vergangenheit für Verwirrung gesorgt und wurde bereits als „PURE Desaster“ betitelt (https://www.dge.de/nachrichten/detail/das-pure-desaster/ – aufgerufen am 23.11.2020).

Professor Lorkowski gelingt es darüber hinaus darzustellen, dass auch die Arten der Kohlenhydrate für die Gesundheit und Ausprägung von Diabetes mellitus Typ 2 entscheidend sind, sodass hierbei komplexe Kohlenhydrate von Vorteil sind, sowie pflanzliche Proteine im Vergleich zu tierischen Proteinen ebenfalls überlegen sind (Shan Z et al. 2020 & Reynolds A et al. 2019).

Neben weiteren spannenden Studien zu Ballaststoffen und der Cholesterinerhöhung durch einen zu hohen Eierkonsum wird abschließend in seinem Vortrag auch die Gewichtszunahme durch hochverarbeitete Lebensmittel thematisiert, welche neben dem erhöhten Diabetes-Risiko in den Industrienationen sogar zu einem Rückgang der Lebenserwartung führt (Hall KD et al. 2019).

„Ess-gestört? Wie Ernährung unser Verhalten steuert“

Als Teilaspekt des Vortrags präsentierte Sebastian Schmid interessante Daten und Erkenntnisse zum Thema der Nahrungszusammensetzung im Hinblick auf eine veränderte Mikronährstoffversorgung und die damit verbundenen Änderungen des persönlichen Erscheinungsbildes und des Aggressionspotentials (Gesch CB et al. 2002 & Zaalberg et al. 2010). Spannend war hierbei auch der Ausblick für die Verhaltenstherapie und die optimale Mikronährstoffsupplementation als unterstützende Therapieform.

Ausblick zukünftiger Interessensfelder der Ernährung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der diesjährige Kongress unter besonderen Umständen mit Spezialisten der verschiedenen Teilgebiete der Diabetologie eine große Bandbreite an Themen abdecken konnte.

Für kommende Kongresse wäre sicherlich eine noch genauere Differenzierung von tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln und der Zusammenhang mit Diabetes ein weiterer spannender zu diskutierender Aspekt. Hierzu konnten in der Vergangenheit nämlich gute Daten der Diabetes mellitus Typ 2 Prävalenz bei unterschiedlichen Ernährungsformen dargelegt werden (Tonstad S et al. 2009 & Le LT, Sabaté J 2014). Auch die aufgegriffene Thematik von Professor Schmid bezüglich der Mikronährstoffunterversorgung sollte unter dem Aspekt einer weltweiten Unterversorgung von circa 2 Milliarden Menschen in zukünftigen Studien mehr Beachtung geschenkt werden (Amoroso L 2016).

In Anbetracht einer nachhaltigen Medizin und der von Herrn Professor Lorkowski aufgeführten Studien ist in Zukunft auch eine Diskussion von Diabetes und der sogenannten Planetary Health Diet, welche kürzlich im Lancet vorgestellt wurde, sicherlich als sinnvoll zu bewerten (Willett W et al. 2019).

Quelle: ‚Planetary health plate‘ according to the EAT-Lancet Commission. W. Willett, ‚Healthy Diets from Sustainable Food Systems‘, EAT Lancet Commission Summary Report, S.9.

Ein „Planetary Health Teller“ sollte volumenmäßig etwa aus einem halben Teller mit Gemüse und Früchten bestehen; die andere Hälfte, dargestellt nach dem Kalorienbeitrag, sollte in erster Linie aus Vollkorngetreide, pflanzlichen Proteinquellen, ungesättigten Pflanzenölen und (optional) bescheidenen Mengen tierischer Proteinquellen bestehen.

In diesem Zusammenhang ist sie als eine gute anwendbare Ernährungsform anzusehen. Sie präsentiert sich sowohl mit positiven Auswirkungen auf die Gesundheit aufgrund eines geringeren kardiometabolischen Mortalitätsrisikos als auch mit einer nachhaltigen Lebensweise im Hinblick auf den Klimaschutz und die Gesundheit von künftigen Generationen. Interessant ist der Klimawandel für Diabetiker vor allem aufgrund des globalen Temperaturanstiegs, welcher verschiedene Gesundheitsprobleme, darunter auch Diabetes mellitus, verschärfen und somit zu einer erhöhten Sterblichkeit führen kann (Zilbermint M 2020).

Weitere Studien in diesem Feld sind sicherlich den Diabetespatienten und dem Planeten zu wünschen.

Erich Richter

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