Ein Herz für die Diabetologie – Vielfalt (Er)leben

Präzisionsmedizin und individualisierte Medizin werden heute großgeschrieben. Klar bleibt jedoch, dass individualisierte Medizin nur dann existieren kann, wenn hierfür interdisziplinär Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dazu gehört nicht nur das Eingeständnis, dass man andere Fachdisziplinen braucht, sondern auch ein ständiger Realitätscheck: Medizin fließt, ist keine Einbahnstraße und zwischen ihr und der Wissenschaft stehen manchmal unsere eigene Biases. All diese Punkte waren beim diesjährigen Diabetes-Kongress der DDG präsent: Die Devise “Diabetologie ist ein jung gebliebenes und vielfältiges altes Fach” zog sich durch die gesamte Veranstaltung.

Diabetes gibt es nicht nur in 2 Typen.

Das ist schon mal DAS Thema des Jahres. Zu den neu eingeführten Subtypen Ende 2018 (Leif Groop et al, Lancet Diabetes and Endocrinology) gab es beim Diabetes-Kongress dieses Jahr gleich mehrere Vorträge, die die Notwendigkeit der Erweiterung der klassischen Diabetesklassifikation unterstrichen. Schließlich scheinen die unterschiedlichen Typen von verschiedenen Therapien zu profitieren. Schon 2013 publizierten Prof. Norbert Stefan und Prof. Andreas Fritsche die individualisierte Therapie bei Neumanifestation von T2D. Auch wurde die ABCD-Klassifikation kurz angeschnitten (Age, BMI, Complication, Disease duration), um die Therapie möglichst typgerecht zu gestalten. Hier lässt sich festhalten: Es tut sich was in der Diabetes-Community – Vielfalt wird akzeptiert und anerkannt. Nun müssen wir diese Vielfalt in gezielten RCTs integrieren, um differenzierte evidenzbasierte Medizin betreiben zu können und damit einer Präzisionsmedizin ein Stück näher zu kommen.

Gute Wissenschaft erkennt ihre Grenzen und ihre Biases.

Das wurde ebenfalls stark thematisiert. Alte Helden in der Diabetestherapie entpuppen sich als nicht ganz so stark, wie bislang angenommen. Bspw. zeigen Metaanalysen, dass die beliebte „first line“-Therapie mit Metformin keine klaren kardiovaskulären Vorteile – wie bisher angenommen – mit sich bringt. Dafür glänzen neue HeldInnen am Diabetes Horizont. Dazu gehört der SGLT2-Hemmer: Er weist moderaten Benefit auf atherosklerotischen MACE bei CVD vorbelasteten PatientInnen auf. Und ebenfalls einen robusten Benefit in der Reduktion von herzinsuffizienzassoziierter Hospitalisierungsrate und Progression renaler Erkrankungen – auch bei PatientInnen, die zum Zeitpunkt der Aufnahme in der Studie noch nicht an Herzinsuffizienz erkrankt waren. Diese Punkte und viele mehr zu CV-Outcome-Studien, ihren technischen Defiziten sowie Ergebnissen und Interpretationen wurden sehr strukturiert und “konsumentennah” dargestellt; in gleich 3 verschiedenen Sessions. Das Ganze wurde durch eine freundliche Neckerei zwischen Kardiologen und Diabetologen aufgelockert und konsolidiert.

Und somit komme ich zum letzten persönlichen Highlight des diesjährigen Diabetes-Kongresses. Die Gleichstellung der Geschlechter ist unweigerlich ein Thema, welches im Gesundheitswesen kontrovers diskutiert wird. Spätestens seit #metoo kumulieren Untersuchungen zur Ungleichheit von Frauen und Männer in der Gesellschaft. Das wir Frauen es im Beruf nicht leicht haben, nehmen wir auf die leichte Schulter: Gesundheitsberufe werden immer öfter von Frauen gerockt. Diese sogenannte Feminisierung der Medizin scheint einige Leute zu verunsichern. Schon 2017 wurde eine Männerquote im Medizinstudium vorgeschlagen, damals von einem ehemaligen Prof. an der medizinischen Hochschule Hannover. 2019 wieder von Politikern einer unbenannten nicht-Vielfalt-liebende Partei aufgerollt, die sich Sorgen um das Patientenwohl machten, wenn diese von Frauen betreut werden. Auf dem DDG-Kongress fanden gleich mehrere Sessions zur Gendermedizin in der Diabetologie statt. Die Sessions haben mehr Fragen aufgeworfen, als Antworten gegeben – mit dem klaren Fazit, dass wir – bei all unseren Bemühungen sogar individualisierte Medizin zu betreiben- noch recht weit von “gender aware” Medizin entfernt sind. Als aus dem Publikum der Kommentar kam, es sei bekannt, dass Frauen sogar seltener Laien-reanimiert werden als Männer, blieb mir kurz die Luft weg.
Jetzt, da wir unserer internen Biases klar sind, wünsche ich mehr Vorträge bei der DDG zum Thema aber auch mehr gender aware Studien von forschungsstarke Gruppen in Deutschland sowie mehr explizite weibliche Repräsentation und Sichtbarkeit bei den großen Veranstaltungen der DDG.
Als Fazit müssen wir immer noch reflektieren, unsere Fehler anerkennen und auch unsere Unterschiede, diese im Diskurs integrieren und immer aufeinander hören und interdisziplinär bleiben. Nur so kann die Diabetologie stark bleiben.

Rima Chakaroun

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