Diabetes zum Frühstück

Es ist Freitag morgen. Beim Zähneputzen höre ich die Nachrichten, die politischen Extreme werden immer stärker. Die körperlichen Extreme werden immer schwerer, denke ich. Über 50% der Deutschen sind übergewichtig. Ich steige in eine Leipziger Straßenbahn. Hier gibt es 1,5er-Sitze, extra für adipöse Personen. Ich zähle Menschen, ungefähr jede zehnte Person in Deutschland erkrankt an Diabetes mellitus. Es gibt Prognosen, die besagen, dass sich diese Zahl bis 2030 ungefähr verdoppeln soll – 15 Millionen PatientInnen würden dann an Diabetes mellitus leiden, ein wahres Extrem, welches auf unsere Gesellschaft zurollt.

Diabetes mellitus wird zu einer Volkskrankheit, beziehungsweise ist es das schon. Volks-krankheit. In diesen Tagen Anfang November, in denen sich der Mauerfall zum 30. Mal jährt, erscheint dieses Wort manchen doch sehr zwiespältig. In einer brennenden Rede erinnert uns der Gastredner der Eröffnungsveranstaltung zur 13. Diabetes Herbsttagung, Dr. Friedrich Schorlemmer, in atemberaubender Weise an die Zeit vor 30 Jahren, und auch daran, dass wir nicht vergessen sollten, welches Glück uns durch unsere vereinigte, demokratische Bundesrepublik zuteil geworden ist. Deutsch sein, was bedeutet das? Spontan fallen mir Stichworte wie Bier, Bratwurst (hier liebevoll „Roster“ genannt) und Laugengebäck ein. Zum nachmittäglichen gezuckerten Kaffee wird ein ordentliches Stück Kuchen gereicht. Wenn ich so darüber nachdenke, rufen wir also praktisch dem Diabetes zu: „Hallo, Zucker, hier bin ich! Du bekommst mich sowieso, denn schnell weglaufen kann ich auch nicht mehr, nach jahrelangem Sitzen im Büro!“. Herr Nussbaumer nahm diesen Gedanken auch nicht den Wind aus den Segeln, als er über unser „WURSTBROT – Wurst und Brot im Diabeteskontext unter die Lupe genommen“ referierte. Jeder dritte Mann über 45 leidet in Deutschland unter einer Fettleber. Wir konsumieren zu viele Kohlenhydrate, während wir zu wenige davon wirklich benötigen. Unser geliebtes Laugengebäck, dem Jan Böhmermann letztens sogar eine eigene Hymne widmete, sei das schlimmste. Die Lauge neutralisiert unsere Magensäure, was für eine kürzere Verweildauer des Speisebreis im Magen sorgt, und dadurch den Blutzucker schneller in die Höhe treibt. Nicht zu verschweigen ist außerdem das fein vermahlene helle Mehl, welches die Backgrundlage bildet. Fehlende Ballaststoffe und eine schnelle Aufspaltung in unserem Darm sorgen dafür, dass wir nach dem Verzehr einen höheren Blutzuckerspiegel haben. Die enthaltene Salzmenge ignorieren wir hier mal. Wer jetzt denkt, wie gut, dass ich gestern im Bioladen zum Dinkelbrot gegriffen habe, sollte sich von dieser netten Vorstellung ebenfalls verabschieden. Obwohl Dinkelmehl dunkler ist, ist es fein vermahlen und soll kein Stück besser sein als weißes Mehl. Also, das nächste Mal bitte das Roggenvollkornbrot aus vollem Korn nehmen! Sauerteig wäre auch noch in Ordnung. Doch ist es mit der Wahl des richtigen Brotes schon getan? – Nein. Da soll ja noch etwas drauf. Aber der vegane Linsen-Curry-Aufstrich ist leer, was nun? Aus dem Regal nebenan lachen uns die Wurstverpackungen an. Doch stopp! Dadurch belegen wir unser Frühstücksbrot praktisch mit Diabetes. Erstmal erschwert das in Wurst enthaltene Nitritpökelsalz die Glucose-Aufnahme in unseren Muskelzellen. Hinzu kommen noch Phosphate, welche Insulinrezeptoren downregulieren sollen.

Wir sollten also bei unserer Ernährung zukünftig über den Tellerrand herausschauen und darauf achten, eine diabetespräventive Kost in die deutschen Küchen zu holen – mitten ins Leben.

Ireen Klemp

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