Der bunte Diabetes – eine Challenge für die Pädiatrie

Von groß bis klein, bei Diabetespatienten ist alles dabei! Und gerade unter den kleinen Patienten gibt es wiederum eine Vielfalt an Altersgruppen mit ihren eigenen Herausforderungen, die einen Pädiater besonders fordern. Darüber berichtet uns Prof. Dr. Andreas Neu aus Tübingen am Freitag in wirklich unterhaltsamer, origineller Weise, was diesen Vortrag zu einem echten Highlight machte.

Am Anfang war das Kleinkind. Ein Kleinkind, das Diabetes hat, versteht nicht, was genau in seinem Körper passiert, warum man es spritzen muss, und davor hat es Angst. Zudem ist es schwer zu sagen, wann Wirkungsmaxima eintreten. Ein langer Weg in einem Leben mit Diabetes steht den Kindern noch bevor.

Eine große Hürde stellt daraufhin die Pubertät da: Man muss wachsen und dafür viel Essen, was natürlich zu hohen Blutzucker-Spitzen führt. Dazu kommen hormonelle Turbulenzen, die hohe Blutzucker Werte in den frühen Morgenstunden verursachen, man bezeichnet dies als Dawn-Phänomen. Auch wenn Eltern zeitweise daran zweifeln: die Gehirnentwicklung verläuft bis zum 20. Lebensjahr. Insgesamt befindet der Körper sich im Umbau, sowohl physiologisch als auch psychologisch. Anders zu sein wird zur Belastung, man möchte flexibel sein, alles ausprobieren, Alkohol, Rauchen, Cannabis, da gerät nicht nur der Tag-Nacht-Rhythmus aus der Kontrolle. Der gesellschaftliche Hintergrund spielt eine Rolle, genau wie der individuelle – da bleibt kaum Platz für den Diabetes. Man sieht: In der Mitte der Pubertät ist nichts stabil, dennoch sind die Ziele für alle gleich: Es gilt, akute Stoffwechsel-Entgleisungen zu vermeiden, diabetesspezifische Folgeerkrankungen zu reduzieren, eine normale körperliche und psychosoziale Entwicklung zu ermöglichen und den Metabolismus aufrechtzuerhalten, optimal wäre altersunabhängig ein HbA1c Wert von unter 7,0%.

Was erreichen die Ärzte aber wirklich?

Nur ein Drittel der Patienten im Alter von 15 bis 25 Jahren liegt im grünen Bereich des HbA1c, damit sind die Werte höher als in jeder anderen Altersgruppe. Tatsächlich ist die Insulinsensitivität in der Pubertät um 20 Prozent erniedrigt, dazu kommt aber auch ein enormes Diabetes-Missmanagement: Einer Umfrage nach haben in den letzten zehn Tagen 25 Prozent der jugendlichen Patienten eine Insulininjektion ausgelassen, 29 Prozent ihre Blutzucker-Werte erfunden und 50 Prozent die Werte manipuliert, 81 Prozent haben ungeeignete Lebensmittel gegessen. Prof. Neu rät augenzwinkernd: „Seien sie trotzdem nicht von ihren Patienten enttäuscht! Fahren wir nicht alle mal über orange Ampeln? ;)“

Die Lösung ist gar nicht so schwer: Schulen Sie praxisnah. Die Jugendlichen müssen lernen, sich auch am Dönerstand zu spritzen, nutzen Sie technische Hilfsmittel wie CGM und FGM, die unauffällig am Körper liegen, Software für Blutzucker-Tagebücher, initiieren Sie Sporttage, ermutigen Sie, in den Peergroups über den Diabetes zu sprechen, bieten Sie konkrete Schulungen an, denn Themen wie „Wie kann ich trotz meines Diabetes Alkohol trinken oder meinen Führerschein machen?“ interessieren die Jugendlichen am meisten. Im Notfall nehmen Sie die Hilfe stationärer Angebote in Anspruch, wenn der HbA1c über 1zehn Prozent liegt, sofort, über neun Prozent zeitnah.

Und danach? Liegt die magische Grenze zum Transfer zum Erwachsenen-Internisten zwangsläufig bei 18 Jahren? Nein! Die Adoleszenten wollen selbst entscheiden, erfahrungsgemäß bleiben sie gerne erstmal im gewohnten Bereich. Der Übergang zum Internisten ist ein Prozess, kein Ereignis, er muss langsam vorbereitet werden. Das Tübinger Transfermodell bietet Lösungen: Ein Arzt oder eine Ärztin sollte die entwicklungspsychologische Stabilität des Patienten abwarten, einen Arztwechsel rechtzeitig in der Sprechstunde thematisieren, die individuelle Lebenssituation berücksichtigen, passende Ansprechpartner suchen, Kennenlern-Termine vereinbaren, eine Epikrise mitgeben und eine Rückmeldung sicherstellen.
So kann man es schaffen, dem Patienten ein langes Leben mit dem Diabetes zu erleichtern und dann kann diese Zeit leicht die Wirkungszeit des ein oder anderen Arztes überdauern.

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