Das verlorene Schaf und die Diabetesprävention

Zunächst möchte ich mich noch einmal für die Möglichkeit bedanken, als Stipendiatin an der diesjährigen Herbsttagung teilnehmen zu können. Die gute Organisation, die Programmvielfalt sowie der reibungslose Ablauf trotz des neuen Weges der Digitalen Tagung haben mich positiv überrascht und mir noch einmal die Relevanz der Diabeteserkrankungen in unserer Gesellschaft und die Komplexität des Diabetes mellitus bestätigt.

Besonders begeistert mich an dem neuen digitalen Weg die Möglichkeit, die Vorträge noch ein Jahr nach der Tagung aufrufen zu können. Aufgrund der großen thematischen Bandbreite standen einem so viele interessante Themen an den drei Tagungstagen zur Verfügung, dass es mir schwergefallen ist, zu entscheiden, was genau ich mir anschauen möchte. Dieses „Problem“ hast sich durch die on demand Vorträge geschickt gelöst.

Darüber hinaus hat mich die Aktualität der Themen wie beispielsweise des Seminars „Die Covid-19-Krise als Chance: Warum der Gesundheitsschutz auch beim Kampf gegen Übergewicht an erster Stelle stehen muss“ begeistert. Die Lehren aus Covid-19 aus Sicht der WHO haben für mich persönlich noch einmal einen neuen Blickwinkel auf die aktuelle Situation geschaffen.

Ein Thema der diesjährigen DDG Herbsttagung hat mich jedoch besonders interessiert, und zwar das Seminar „Präzise Präventionsstrategien“. Hierbei ist mir vor allem das Gleichnis vom verlorenen Schaf im Kopf geblieben, welches Andreas Fritsche zur bildlichen Darstellung des aktuellen Problems der Diabetesprävention so passend in seinem Vortrag angeführt hat.

In dem Gleichnis geht es um einen Schäfer, der eine Herde von 100 Schafen hat. Eines Tages läuft eines der Schafe davon. Nun hat der Schäfer zwei Möglichkeiten: Entweder macht er sich auf die Suche nach dem einen Schaf und verlässt somit die anderen 99, oder er bleibt bei der Herde und überlässt das verlorene Schaf seinem eigenen Schicksal und damit der Gefahr einem Wolfsrudel ausgeliefert zu sein.

Übertragt man dieses Bild der Schafsherde auf die deutsche Bevölkerung und ersetzt die Gefahr durch das Wolfsrudels durch die Erkrankung Diabetes mellitus, zeigt dies das Dilemma der aktuellen Diabetesprävention sehr deutlich. Es werden zwar viele Ressourcen aufgewendet, um die Diabetes-Prävalenz in der Bevölkerung zu reduzieren, jedoch kommen diese Ressourcen häufig nur bei den Personen an, die ein vergleichsweise geringes Risiko aufweisen. Diese Personen sind in der Regel leicht zu erreichen und zu motivieren, sodass es zu einer präventiven Überversorgung kommt. Im Falle des Gleichnisses entspricht dies der Schafsherde.

Daraus ergibt sich das Problem, dass die übrigen Ressourcen für die Personen mit einem sehr hohen Risiko nicht ausreichend sind, sodass eine präventive Unterversorgung vorliegt. Bezogen auf das Schafs-Gleichnis entsprechen diese Hochrisikopatienten, die nur schwer zu erreichen und zu motivieren sind, dem verloren Schaf.

Es ist somit von hoher Wichtigkeit bei der Diabetesprävention den Fokus auf die verschiedenen Risikogruppen zu legen, sodass Personen mit einem hohen Risiko eine intensivere Prävention erhalten als Personen mit einem geringeren Risiko. Zusätzlich sollten die Präventionsmaßnahmen jeweils individuell auf die Bedürfnisse des Patienten angepasst sein. Es ist somit wichtig, zunächst die Hochrisikopatienten zu identifizieren, um diese Patienten intensiv betreuen und die vorhandenen Ressourcen optimal nutzen zu können.

Als Fazit habe ich somit aus dem Vortrag mitgenommen, dass in Zukunft der Fokus auf der individuellen Prävention von Hochrisikopatienten liegen sollte und weniger auf der allgemeinen Prävention der gesamten Bevölkerung.

Mit diesem interessantem Thema hat für mich der erste Tagungstag sehr informativ angefangen und mit dem Bild einer Schafsherde im Kopf werde ich vermutlich noch häufig an diesen Vortrag zurückdenken.

Linda Jakobs

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