Da tickt doch was nicht richtig – Diabetes und die innere Uhr

Ob Eule oder Lerche – jeder Mensch hat seinen eigenen Rhythmus. Doch dass in jedem von uns gleich mehrere Millionen Uhren laufen und das Ganze noch etwas mit Diabetes zu tun hat, das erfuhr ich am Freitag Nachmittag im voll besetzen „Creutzfeldt-Saal“.

Als erstes trat Dr. Lehrke aus Aachen vor das gespannte Publikum und startete mit einem kurzen Abriss über die zellulären Grundlagen der zirkadianen Rhythmik. Dabei seien (mal wieder) Transkriptionsfaktoren die „Masterregulatoren“ des zellulären Rhythmus, sodass die RNA-Expression immer wiederkehrenden Mustern folgt. Seien die zentralen und peripheren Uhren im Körper nun nicht aufeinander abgestimmt, stiege das Risiko für Herzinfarkte, Diabetes, Bluthochdruck und Schlaganfälle. Eine solche Fehlsynchronisierung könne verschiedene Gründe haben: Da die zirkadiane Rhythmik vor allem durch Licht, Essen und die daraus folgende Melatonin-Sekretion maßgeblich gesteuert werde, sei ein Mitternachtssnack oder die spätabendliche Handynutzung keine gute Idee.

Vor allem Nachtschichtarbeiter träfe es diesbezüglich hart: Im Vergleich käme es deutlich häufiger zu Bluthochdruck, Adipositas, Diabetes und Dyslipidämien. Dabei spiele auch Melatonin eine Rolle, das als Zeitgeber fungiert und bei Diabetes-Patienten deutlich häufiger eine Sekretionsstörung aufweist.

Im Anschluss trat Prof. Wild aus Mainz an das Rednerpult und bestätigte mit der groß angelegten Gutenberg-Health Study, dass sowohl genetische Mutationen als auch Nachtschichtarbeit bereits isoliert voneinander das Risiko, einen manifesten Diabetes zu entwickeln, erhöhe. Kämen die beiden Faktoren jedoch zusammen, sei die Diagnose „Diabetes“ nicht mehr weit!

Sehr interessant war der Beitrag einer Diätassistentin, die sich nach diesem Vortrag zu Wort meldete. Sie machte darauf aufmerksam, dass gerade bei der Schichtarbeit oft ein suffizientes Ernährungskonzept fehle und die familiäre Einbindung ebenfalls einen Einfluss auf die Entstehung eines Diabetes habe.

Zuletzt referierte Prof. Staels aus Lille unter anderem über den Einfluss von Leptin auf den Glukosespiegel und darüber, dass Essen und körperliche Übungen uns wach halten. Zuletzt sprach er, was mir völlig neu war, über eine pharmakologische Möglichkeit, die inneren Uhren wieder zu synchronisieren und so die metabolische Inflammation im Rahmen eines Diabetes einzudämmen.

Fazit: Die zirkadiane Rhythmik scheint in der Genese von chronischen Krankheiten eine große Rolle zu spielen und es bedarf noch weiterer Forschung in diesem spannenden Gebiet. Für mich war dieser Vortrag einer der Beeindruckendsten auf diesem Kongress, da mir nicht bewusst war, welch großen Einfluss die zirkadiane Rhythmik auf Gesundheit und Krankheit hat.

Ein Gedanke zu “Da tickt doch was nicht richtig – Diabetes und die innere Uhr

  1. Interessanter Beitrag! Gibt es eigentlich auch Studien zum Einfluss von Tageslicht auf die Insulinsensitivität? Ich (T1DM seit 7 Jahren) beobachte nämlich häufig einen erhöhten Insulinbedarf, wenn ich wenig Tageslicht bekomme – sei es im Winter, wenn kaum Sonne scheint, oder sei es, wenn ich tagelang auf Kongressen in abgedunkelten Räumen ohne Tageslicht sitze. Falls jemand dazu mehr als empirische Beobachtungen hat, wäre ich für Hinweise dankbar! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.