Wie kleine Dinge Großes vollbringen

Überall sieht und erkennt man sie, die kleinen, flachen, weißen Sensoren an Armen, Bauch oder Hüfte. Egal ob jung, ob alt, ob Sportler oder Couch-Potato. Der digitale Fortschritt hat sie alle überzeugt und eine neue Community kreiert.

Es ist DIE neue digitale Technik, das continuous glucose monitoring, welches ganz eindeutig in den letzten Jahren zu der Neuerung unter den Therapieoptionen des Diabetes mellitus zählt. Ob das Flash Glukose Messsystem (FGM) von Abbott oder das Real-Time-CGM-System (rtCGM) von Dexcom, wer auf dem diesjährigen Diabetes Kongress seiner Umgebung nicht nur mit Ohren sondern auch mit Augen gefolgt ist, hat sie erkannt: in der Schlange am Kaffeestand, in der Sitzreihe direkt vor einem oder morgens früh in der S-Bahn auf dem Weg zum ersten Vortrag des Tages.

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Proteine für ein langes Leben

Eine ausgewogene Ernährung und ein aktiver Lebensstil sind das A und O für ein gesundes und langes Leben. Doch was passiert, wenn im Alter der Appetit nachlässt, sich die Lebensmittelvorlieben ändern und/oder es aufgrund einer eingeschränkten körperlichen Aktivität zu einer einseitigen Ernährung kommt? In der Session „Aktuelles zu Ernährung und Lebensstil bei Typ-2-Diabetes“ berichtete Dr. Sabine Goisser über die Rolle des Proteins im Alter.

Protein steht bei älteren Menschen besonders im Fokus, da es im Alter häufig zu einer verringerten Proteinaufnahme bei gleichzeitig verminderter Verwertung des aufgenommenen Proteins kommt. Des Weiteren kann der Proteinbedarf aufgrund von entzündlichen und/oder katabolen Erkrankungen im Alter zusätzlich erhöht sein. Diese Faktoren können zu einem Proteinmangel führen, der mit einem Verlust der Funktionalität von Muskeln, Knochen und Immunsystem einhergeht. Ein Muskelabbau als Konsequenz einer mangelnden Proteinaufnahme im Alter wirkt sich negativ auf die Muskelkraft und die Nährstoffreserven im Muskel aus. Dies führt zu einer verringerten Mobilität und Belastbarkeit und ist mit einem erhöhten Sturzrisiko verbunden. Zusätzlich sinkt auch der Energieverbrauch durch den Muskelabbau, wodurch es zu weiteren Nährstoffdefiziten bis hin zu einer Mangelernährung kommen kann.

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Therapietreue – gesagt ist nicht getan!

Arzneimittel können nur wirken, wenn sie wie verordnet vom Patienten eingenommen werden! Dass dies nicht immer der Fall ist, machte der Vortrag von Herrn Prof. Dr. Bernhard Kulzer in dem spannenden Symposium zum Thema „Welche Medikamente nehmen Menschen mit Diabetes nicht ein“ deutlich.

Das Nicht-Erreichen der Therapieziele ist oftmals durch eine vorhandene Non-Adhärenz bedingt. Rund jede 5. Tablette wird von den Patienten nicht regelmäßig eingenommen. Da Diabetes häufig begleitet wird von weiteren Erkrankungen, ist es nicht verwunderlich, dass Diabetespatienten eine Polypharmazie aufweisen. Mit zunehmender Anzahl an einzunehmenden Arzneimitteln steigt das Risiko für das Auftreten von arzneimittelbezogenen Problemen und damit die Gefahr von Non-Adhärenz. Patienten gelten als adhärent, wenn die durchschnittliche Anzahl an Tagen mit einer ausreichenden Medikamentenversorgung <80% beträgt, was durch die „medication possession ratio“ beschrieben wird. Dieses Ziel erreichen jedoch im Durchschnitt nur etwa 65% der Diabetespatienten. Es gibt viele Gründe, wieso Patienten ihre Arzneimittel nicht einnehmen: Patienten vergessen die Einnahme, sie vergessen, rechtzeitig ihre Medikamente neu verordnen zu lassen, oder sie vergessen die Einnahme im Urlaub. Bei anderen Patienten treten Nebenwirkungen auf oder sie sind der Ansicht, dass die Arzneimittel nicht wirken und lassen sie daher weg.  

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Freiwillig weniger Zucker?

In ihrem Vortrag gab Frau Bitzer einen interessanten Einblick in die politischen Aktivitäten des Bereichs der Prävention auf Bundesebene.

Die DDG – seit vielen Jahren sehr aktiv im Bereich der Verhältnisprävention tätig – hat 2014 das Bündnis „DANK“ gegründet, dem 22 wissenschaftlich-medizinische Fachgesellschaften und Institutionen angehören.
2018 wurde das Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) beauftragt eine Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten zu erarbeiten – die DDG war sofort bereit hierbei mitzuwirken. Die bisherigen Ergebnisse dieser Reduktionsstrategie wurden vorgestellt und waren unzureichend. Die Ziele der Reduktionsstragie wurden auf freiwilliger Basis mit der Industrie vereinbart und sind bis 2025 umzusetzen – Maßnahmen bei Nichteinhaltung sind nicht kommuniziert. Die DDG hat sich darauf hin dazu entschieden aus dem Begleitgremium auszusteigen. Dieser Schritt wurde damit begründet, dass keine Nachbesserungen angedacht sind, die DDG keine Einflüsse auf Zielvereinbarungen hat und dass ein Monitoring so niedriger Ziele nicht sinnvoll ist. Die anderen Fachgesellschaften sind im Gremium verblieben, haben aber deutlich Kritik geäußert. Nach dem DDG-Austritt gab es eine große (meist) positive mediale Aufmerksamkeit. Wie geht es weiter?

Weiter ging es mit der Erarbeitung einer verständlichen und vergleichbaren Lebensmittelkennzeichnung. Bestehende Systeme wurden geprüft, der Gewinner: der Nutri-Score.
Der Nutri-Score, bereits in Frankreich etabliert, wurde über 15 Jahre lang wissenschaftlich entwickelt. Mittlerweile sind weitere Länder dabei das System einzuführen. Er führt nachweislich dazu, dass gesünder eingekauft wird. In Deutschland wird der Nutri-Score bereits von 5 Firmen freiwillig genutzt und könnte für Europa einheitlich ausgebaut werden. Dieser Score hätte also viele Vorteile. Frau Klöckner (Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz) möchte für Deutschland stattdessen ein eigenes Modell entwickeln. Ein Nachteil eines eigenen Systems wäre die mehrjährige Entwicklungsphase. Inzwischen wurde bereits ein eigenes System für Deutschland vorgestellt. Dieses scheint auf den ersten Blick nicht unbedingt verständlich: keine farbliche Kennzeichnung, in 4 Wochen entwickelt und nur mit Fußnoten verständlich. Wie geht es jetzt weiter?

Frau Bitzer machte in ihrem Vortrag deutlich, dass jeder Fortschritt in der Verhältnisprävention mühsam erstritten werden muss und viel Zeit benötigt. Wobei die wissenschaftlichen Erkenntnisse einen geringen Einfluss auszumachen scheinen.

Corinna Wessel

Der endlose Kreislauf des Gestationsdiabetes

H.Hauner: Übermäßige Gewichtszunahme in der Schwangerschaft-Beudeutung bei Adipositas, Typ-1- und Typ-2-Diabetes

Ein wichtiges Thema beim diesjährigen Diabetes Kongress war die korrekte Gewichtszunahme während der Schwangerschaft, Gestationsdiabetes und die Frage, ob eine frühe Intervention schon während der Schwangerschaft einen möglichen lebenslangen Nutzen für Mutter und Kind hätte.

Um eine optimale Gewichtszunahme bei Schwangeren festzulegen, veröffentlichte das Institut für Medizin (Institute of Medicine, IOM) 2009 Empfehlungen, die kategorisch auf dem präkonzeptionellen Body-Mass-Index (BMI) in der Vorschwangerschaftszeit basieren.

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Distress und Depression – Wer ist betroffen und welche Folgen und Möglichkeiten ergeben sich für die Zukunft?

Die Psyche spielt eine große Rolle in der Entwicklung des Diabetes und auch in der Entwicklung von Folgeerkrankungen bei Menschen mit diagnostiziertem Diabetes. Insbesondere das Vorliegen einer manifesten Depression und diabetesbezogenen Belastungen, die mit dem chronischen Krankheitsverlauf einhergehen (Diabetes Distress) stellen Risikofaktoren für Komplikationen und früheres Versterben dar.

Eine Auswertung der prospektiven Heinz-Nixdorf-Recall-Studie mit 10-jahres Follow-up zeigte ein erhöhtes Chancenverhältnis (Odds Ratio) für Depression bei Menschen mit bekanntem Diabetes gegenüber Menschen ohne Diabetes – jedoch schloss das Konfidenzintervall die 1 („Nulleffekt“) ein und erreichte somit keine statistische Signifikanz. Bei Männern mit Diabetes war das Chancenverhältnis für Depression gegenüber Frauen erhöht – Gründe hierfür bedürfen weiterer Forschung.

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Telemedizin-Projekt ViDiKi – ein Ausblick in die zukünftige Versorgung von Diabetespatienten?

Der Kongressvortrag von Frau Dr. von Sengbusch mit dem Titel „Telemedizinische Diabetesversorgung bei Kindern: neue Perspektive“ erläuterte anschaulich die Möglichkeit eines möglichen zusätzlichen Nutzen durch Telemedizin, gerade in Regionen mit einer geringen Dichte an Diabetologen oder bei schwierigen metabolischen Phasen des Patienten.

In der Studie speichern die Patienten ihre Daten der CGM-, Pen- und Pumpensysteme automatisch, über eine verschlüsselte Verbindung, in einer Cloud. Diese sind dann für den Telemediziner jederzeit und überall abrufbar. Die Beratung erfolgt dann zu vereinbarten Terminen via Videoverbindung. Die Patienten werden im ViDiKi-Projekt zusätzlich zur aktuellen Versorgung durch einen Diabetologen individuell in regelmäßigen Abständen durch einen Telemediziner betreut. Zudem bietet die Telemedizin den Vorteil, dass der Patient in seinem gewohnten Umfeld betreut wird und keine weitere Anreise notwendig ist. Dies ist gerade in einer Region mit einer geringen Dichte an Diabetologen von Vorteil. Die Anmerkungen des Telemediziners zur aktuellen Einstellung des Patienten sowie weitere Anregungen für Therapieoptimierungen werden vorab per Email versendet. Eine geringe Drop-out-Rate und das positive Feedback seitens der teilnehmenden Patienten, lässt mich darauf schließen, dass Telemedizin zukünftig ein fester Bestandteil der Patientenversorgung sein wird.

Natürlich stellt sich direkt die Frage nach der Wahrung des Datenschutzes und der Sicherheit der hochgeladenen medizinischen Patientendaten. Bei dem ViDiKi-Projekt wurden ausschließlich verschlüsselte Textnachrichten, E-Mails und Videoverbindungen verwendet. Es wäre meiner Meinung nach wünschenswert, wenn alle Hersteller von CGM-, Pen- und Pumpensystemen in Zukunft eine, vor unbefugten Zugriffen gesicherte, Cloud für das Hochladen von Patientendaten zur Verfügung stellen würden. Dies würde sicherlich auch für die jetzige Patientenbetreuung einen zusätzlichen Nutzen darstellen.

Die Möglichkeit der Telemedizin als zusätzlicher Patientenkontakt kann selbstverständlich auch von den Diabetesberatern sinnvoll genutzt werden. Und ich bin davon überzeugt, dass die Telemedizin auch die Möglichkeit bietet die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker zu verbessern. Da beispielsweise auch die in der Apotheke vorliegenden medizinischen Daten und Angaben zur aktuellen Compliance/Adhärenz des Patienten hochgeladen werden könnten.

Maira Anna Deters

Closed-loop-Systeme: nur mit hohem Schulungsaufwand und das ist auch gut so!

Als junge Assistenzärztin in einer Kinderklinik mit einer Diabetesstation in Nordrhein-Westfalen interessierte mich das Symposium „Von CGM und SUP zum closed loop“. Ich sehe, wie viele Kinder aus unserer Klinik von den Continuous Glucose Monitoring (CGM)-Systemen und den Insulinpumpen profitieren. Der großen Frage „Wann kommt die künstliche Bauchspeicheldrüse?“ ist Dr. T. Danne aus Hannover nachgegangen.

Zu Beginn des Symposiums stellte Dr. R. Holl die Studie HypoDe vor. In dieser konnte gezeigt werden, dass die Nutzung von CGM Hypoglykämien um ca. 2/3 reduziert. Er zeigte auch, dass der Anteil der Patienten mit Pumpentherapie in den letzten Jahren rasant gestiegen ist, gerade in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen. Der Anteil der Patienten mit Insulinpumpe bei Kinder <5 Jahren liegt aktuell bei ca. 90%. Auch der Anteil der Patienten mit CGM liegt zwischen 50-70% in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen.

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Alltag im Ausnahmezustand – Auswirkungen des Typ-1-Diabetes auf Familien und Perspektiven in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes mellitus

In unserer modernen, von Wissenschaft und vornehmlich rationalen Entscheidungen geprägten Welt ist es Standard, nichts mehr dem Zufall zu überlassen. In vielen Kreisen ist es en vogue vor der Schwangerschaft durch einen der vielen online Anbieter mittels Speichelprobe eine Genomanalyse durchzuführen. Diese versprechen mögliche Erbkrankheiten oder genetische Prämutationen, die den Nachwuchs betreffen könnten, aufzudecken. Junge Eltern wähnen sich so in trügerischer Sicherheit, wenn die Erkrankungsrisiken von Trisomie 21 oder Mukoviszidose in beruhigend niedrigen Wahrscheinlichkeiten auf Papier gebannt sind.

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„Wenn der Zucker auf’s Herz geht“ – Praxistipps für kardiologische Patienten

Vergangenes Jahr hat die Deutsche Diabetes Gesellschaft Praxisempfehlungen zum Umgang mit kardiologischen Patienten herausgegeben, die es Ärztinnen und Ärzten erleichtern sollen, dieses besonders gefährdete Patientenkollektiv adäquat zu therapieren. Professor Marx war es ein Anliegen einen einprägsamen Überblick über kurze Tipps und Tricks zu geben, damit alle aus dem Plenum „Take-Home-Messages“ mitnehmen können.