Ein Herz für die Diabetologie – Vielfalt (Er)leben

Präzisionsmedizin und individualisierte Medizin werden heute großgeschrieben. Klar bleibt jedoch, dass individualisierte Medizin nur dann existieren kann, wenn hierfür interdisziplinär Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dazu gehört nicht nur das Eingeständnis, dass man andere Fachdisziplinen braucht, sondern auch ein ständiger Realitätscheck: Medizin fließt, ist keine Einbahnstraße und zwischen ihr und der Wissenschaft stehen manchmal unsere eigene Biases. All diese Punkte waren beim diesjährigen Diabetes-Kongress der DDG präsent: Die Devise “Diabetologie ist ein jung gebliebenes und vielfältiges altes Fach” zog sich durch die gesamte Veranstaltung.

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Virtuelle Visite für eine bessere Versorgung

Die Session zu Diabetes und Digitalisierung wurde durch Dr. Manuel Ickrath eröffnet. Als Unternehmensberater und Sprecher der Taskforce Digitalisierung zeigte er in seinem Vortrag die Hürden und Vorbehalte gegenüber Digitalisierung im Gesundheitswesen auf und erklärte welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie geschaffen werden müssen.

Der abnehmende persönliche Kontakt ist eine häufig genannte Angst in der Debatte um Digitalisierung im Gesundheitswesen. Dass sie uns aber auch die Möglichkeit gibt Lücken zu schließen und so die Versorgung zu verbessern, zeigte uns Frau Dr. Simone Sengbusch mit Ihrer Vorstellung des Pilotprojekts „ViDiKi“. Frau Dr. Sengbusch leitet eine virtuelle Ambulanz, die es ihr ermöglicht, Kinder mit Typ-1-Diabetes engmaschiger zu überwachen. Hierzu werden die jungen PatientInnen einmal im Monat, zusätzlich zu ihrem quartalsmäßigen Termin beim behandelnden Diabetologen, durch Frau Dr. Sengbusch und ihr Team „online“ beraten. Im Vorfeld zu jeder Sitzung werden die Daten des CGM-Gerätes hochgeladen und durch das Team befundet. Anschließend folgt ein Videochat mit den Kindern und deren Eltern.

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Eine „Endlos-Schleife“ oder der Beginn einer künstlichen Bauchspeicheldrüse

Das selbstständige Blutzucker-Messen und Insulin-Spritzen könnte durch die neuen digitalen Technologien schon für viele DiabetespatientInnen nicht mehr nötig sein.

Ein „Closed-Loop-System“ könnte das Leben vieler PatientInnen enorm erleichtern. Bei solch einem „Closed-Loop-System“, einem „geschlossenem System“, wird die Insulingabe mithilfe von kontinuierlicher Glukosespiegelmessung automatisch geregelt. Hierbei werden Blutzuckermessgerät und Insulinpumpe über eine Verarbeitungseinheit (bspw. Mikrocontroller, eingebettete Systeme) verbunden. Dabei kommunizieren Sensor und Pumpe drahtlos miteinander und geben Messdaten an ein zentrales System weiter. Dieses System kann somit selbstständig den Insulin- und folglich den Blutzuckerspiegel des Anwenders regulieren. Bereits auf dem Diabetes Kongress 2017 berichteten Experten über weitere Entwicklungen und Fortschritte. Aktuell kann man bereits auf viele Erfahrungsberichte von privaten „Loopern“ zurückgreifen, die sich bisher in Eigenregie ein „Closed-Loop-System“ bauen mussten. Die Zulassung solcher Systeme scheitert an der rechtlichen Frage der Haftung für Personenschäden (im schlimmsten Fall dem Tod des Patienten). Klinische Studien zu „Hybrid-Closed-Loop-Systemen“, die in den USA bereits behördlich zugelassen wurden, zeigten positive Ergebnisse. Negative Ergebnisse beruhen häufig auf Anwendungsfehlern. Dies soll nicht bedeuten, dass die Patienten nicht in der Lage wären, diese Geräte richtig zu bedienen. Aber es ist eine kompetente Schulung notwendig. So würden viele Probleme nicht auftreten und die Zufriedenheit der Anwender könnte nochmals gesteigert werden. Einige Hersteller streben die Zulassung in Europa an. Patienten in Deutschland müssen sich aber wohl noch gedulden: Ein erstes System soll bei uns in Deutschland erst nächstes Jahr verfügbar sein. Es ist zu wünschen, dass bald auch in Deutschland viele Patienten von den Innovationen profitieren können. Zusätzlich werden in den nächsten Jahren Themen wie künstliche Intelligenz die Medizinbranche weiter revolutionieren und die Lebensqualität der Menschen verbessern.

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Was gibt es Neues unter der Sonne?

Intraperitoneale Insulinapplikation

In der Therapie vom Typ-1-Diabetes spielt Insulin die Hauptrolle und kann in verschiedenen Formen appliziert werden, z.B. s.c. und i.v. Dass Insulin auch intraperitoneal appliziert werden kann, war für mich eine neue Information. Mit dem aktuellen Stand der Therapie vom Typ-1-Diabetes hat sich das Symposium „Was gib es Neues unter der Sonne?“ geleitet vom Prof. Dr. Lutz Heinemann und Dr. Michael E. Trautmann beschäftigt.

In einem der Vorträge wurde vom Herrn Dr. Bernhard Gehr aus Bad Heilbrunn eine der längst probierten aber kaum bekannten Applikationsformen des Insulins dargestellt, nämlich die intraperitoneale Insulinapplikation.  Der erste case report mit diesem Applikationsform erschien im Jahr 1971[1]. Die Idee stammte von den Nephrologen, die im Rahmen der peritoneal Dialyse Insulin verabreicht haben und daraus entwickelte sich letztendlich die Continuous intraperitoneal Insulin Infusion (CIPII) bzw. Roche Accu-Chek DiaPort. Diese Applikationsform bereitet eine zuverlässige und schnelle Insulinwirkung (ähnlich i.v.) und funktioniert gemäß der physiologischen Insulinanflutung: das Insulin erreicht zuerst die Leber dann die Peripherie. Ein weiterer Vorteil ist das Vermeiden vom subkutanen Insulindepot mit seiner retardierten Absorption und höher inter- und intraindividuellen Variabilität. Somit wird eine normnahe Blutzuckerregulation bei weitgehender Vermeidung von Hypoglykämien ermöglicht. Diese Methode ist bei echte subkutane Insulinresistenz sowie bei schweren Hypoglykämien und extremer Glukosefluktuation trotz aller konventionellen Methoden indiziert. Trotz all dieser Indikationen werden mit der intraperitonealen Applikation weltweit nur 100 Patienten und Patientinnen behandelt, in Deutschland sind es 69.

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Diabetes und KHK: Fallstricke in der kardiovaskulären Risikoreduktion bei Diabetes mellitus

Dass der kardiovaskulären Risikoreduktion bei Patienten mit Diabetes mellitus ein zentraler Stellenwert zukommt, ist wissenschaftlich unangefochten. Noch immer stellen kardiovaskuläre Ereignisse die Haupttodesursache unter Diabetikern dar. In der klinischen Praxis wird die Prävention solcher Ereignisse jedoch oftmals vernachlässigt bzw. schlichtweg nicht adäquat durchgeführt. Und dies liegt nicht etwa an einem Mangel an wissenschaftlich fundierten Leitlinien (denn diese existieren sehr wohl), sondern vor allem in der oftmals verharmlosenden Handhabung kardiovaskulärer Risikofaktoren durch die Behandler. Was diese bagatellisierende Haltung für die Compliance und Therapieadhärenz der Patienten bedeutet, kann sich ein jeder leicht ausmalen…

Im Rahmen des Symposiums „Herzinsuffizienz und Diabetes: Neue Mechanismen und klinische Bedeutung“ wiederholte Prof. Dr. med. Nikolaus Marx von der RWTH Aachen während seines Vortrages „Praxisempfehlungen der DDG zu Diabetes und KHK“ mantraartig die Kernaussage dieser Sitzung: „Diabetiker haben per se ein hohes bzw. sehr hohes kardiovaskuläres Risiko!“. Der kardiovaskulären Risikoreduktion kommt in der Diabetologie somit immer eine zentrale Bedeutung zu.

Die Ansatzpunkte zur Modifikation der Risikofaktoren sind vielfältig – und viel wichtiger: therapeutische Möglichkeiten hierfür sind vorhanden. Deshalb sollten sie auch zum Einsatz kommen! Die Senkung des LDL-Cholesterins durch Statine als Eckpfeiler der Risiko-Modifikation oder die Trombozyten-Aggregations-Hemmung durch ASS sind als zentrale Elemente zu nennen. Von Letzterer profitieren die Patienten aber nur in der Sekundärprävention. In der Primärprävention soll ASS aufgrund einer signifikant erhöhten Blutungsrate nicht eingesetzt werden. Ein weiterer Fallstrick, der zum Verhängnis werden kann (und dies oft auch wird) und den wir als Behandler möglichst umgehen sollten.

Dass für an Diabetes mellitus erkrankte Menschen andere Grenzwerte in der Therapie der arteriellen Hypertonie heranzuziehen sind, als für Stoffwechselgesunde, lernt jeder angehende Mediziner bereits im Studium. Dass diese zudem strenger sind, ebenfalls. Dieses für eine angemessene kardiovaskuläre Risikoreduktion bei Diabetikern essenzielle Wissen scheint bis zur Approbation als Arzt jedoch häufig nicht zu überdauern und schlichtweg wieder in Vergessenheit zu geraten. Diese Erfahrung schien auch für Prof. Dr. med. Roland Schmieder aus Erlangen Anlass zu sein, in seinem Vortrag zur antihypertensiven Therapie bei Diabetes mellitus den strengeren RR-Zielbereich nochmals mit Nachdruck in Erinnerung zu rufen. Zudem betonte er, dass bei neudiagnostizierten Hypertonie-Patienten – entgegen weit verbreiteter klinischer Praxis – von Anfang an immer eine Kombinations-Therapie durchgeführt werden sollte.

Auch die Anwendung von SGLT2-Inhibitoren, die in den vergangenen Jahren aufgrund Ihrer nachweislich kardioprotektiven Wirkung hohe Erwartungen weckten, wurde während des Symposiums thematisiert. Kernaussage hier: Patienten mit Diabetes mellitus profitieren bei manifester ASCVD vom Einsatz von SGLT2-Inhibitoren, nicht aber beim bloßen Vorhandensein multipler kardiovaskulärer Risikofaktoren.

Wir sehen: es gibt vielfältige Möglichkeiten das kardiovaskuläre Risiko unserer Diabetes-Patienten (positiv!) zu beeinflussen und somit zu reduzieren. Grundlegend hierfür ist jedoch sich dieses generell erhöhten Risikos bewusst zu sein und dieses auch ernst zu nehmen. Nur wenn es uns gelingt unseren Patienten die enorme Wichtigkeit dieser präventiven Maßnahmen vor Augen zu führen, können wir Akzeptanz hierfür erzeugen und eine intrinsische Motivation erwecken beeinflussbare kardiovaskuläre Risikofaktoren nachhaltig zu optimieren – zum Wohle unserer Patienten.

Julian Cron

Socializen !?!

pannende Gespräche
Ohne Scheu, ohne Stress
Chancen nutzen
Innovative Ideen entwickeln
Austausch von Erkenntnissen
Lebenserfahrung teilen
Interessen stärken
Zusammenarbeit fördern
Expertenwissen erhalten
achfragen erlaubt

„Socializen“ – Eine neue Volkskrankheit?! Oh nein! Wenn dann eher als ein „neues Medikament und Therapieoption“ gegen die Volkskrankheit Diabetes zu sehen!

Die Bedeutung von „Socializen“ wurde mir auf dem diesjährigen DDG-Kongress in Berlin klar. Ich habe effektiv selbst daran teilgenommen und sehr positive Erfahrungen gemacht. „Socializen“ bedeutet heutzutage, dass man mit Menschen ins Gespräch kommt, die Gesellschaft sucht und sich austauscht.

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Von den Guten und den Bösen (Fettsäuren)

„Falsche Nomenklatur bedeutet falsche Regeln, evtl. sogar Erhöhung der Mortalität“ – eine Aussage von Prof. Dr. Clemens von Schacky, die man nicht direkt im Kopf hat, wenn man mit dem Einkaufswagen durch den Supermarkt schlendert und den Wocheneinkauf erledigt.
Schon eher leuchten bei vielen Leuten die Alarmglocken, wenn sie „Transfette“ hören. Ein Produkt, welches viel Transfettsäuren enthält, wird auf keinen Fall gekauft, da diese ja die schlechten Fettsäuren sind! Aber stimmt das überhaupt?

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Wie kleine Dinge Großes vollbringen

Überall sieht und erkennt man sie, die kleinen, flachen, weißen Sensoren an Armen, Bauch oder Hüfte. Egal ob jung, ob alt, ob Sportler oder Couch-Potato. Der digitale Fortschritt hat sie alle überzeugt und eine neue Community kreiert.

Es ist DIE neue digitale Technik, das continuous glucose monitoring, welches ganz eindeutig in den letzten Jahren zu der Neuerung unter den Therapieoptionen des Diabetes mellitus zählt. Ob das Flash Glukose Messsystem (FGM) von Abbott oder das Real-Time-CGM-System (rtCGM) von Dexcom, wer auf dem diesjährigen Diabetes Kongress seiner Umgebung nicht nur mit Ohren sondern auch mit Augen gefolgt ist, hat sie erkannt: in der Schlange am Kaffeestand, in der Sitzreihe direkt vor einem oder morgens früh in der S-Bahn auf dem Weg zum ersten Vortrag des Tages.

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Proteine für ein langes Leben

Eine ausgewogene Ernährung und ein aktiver Lebensstil sind das A und O für ein gesundes und langes Leben. Doch was passiert, wenn im Alter der Appetit nachlässt, sich die Lebensmittelvorlieben ändern und/oder es aufgrund einer eingeschränkten körperlichen Aktivität zu einer einseitigen Ernährung kommt? In der Session „Aktuelles zu Ernährung und Lebensstil bei Typ-2-Diabetes“ berichtete Dr. Sabine Goisser über die Rolle des Proteins im Alter.

Protein steht bei älteren Menschen besonders im Fokus, da es im Alter häufig zu einer verringerten Proteinaufnahme bei gleichzeitig verminderter Verwertung des aufgenommenen Proteins kommt. Des Weiteren kann der Proteinbedarf aufgrund von entzündlichen und/oder katabolen Erkrankungen im Alter zusätzlich erhöht sein. Diese Faktoren können zu einem Proteinmangel führen, der mit einem Verlust der Funktionalität von Muskeln, Knochen und Immunsystem einhergeht. Ein Muskelabbau als Konsequenz einer mangelnden Proteinaufnahme im Alter wirkt sich negativ auf die Muskelkraft und die Nährstoffreserven im Muskel aus. Dies führt zu einer verringerten Mobilität und Belastbarkeit und ist mit einem erhöhten Sturzrisiko verbunden. Zusätzlich sinkt auch der Energieverbrauch durch den Muskelabbau, wodurch es zu weiteren Nährstoffdefiziten bis hin zu einer Mangelernährung kommen kann.

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Therapietreue – gesagt ist nicht getan!

Arzneimittel können nur wirken, wenn sie wie verordnet vom Patienten eingenommen werden! Dass dies nicht immer der Fall ist, machte der Vortrag von Herrn Prof. Dr. Bernhard Kulzer in dem spannenden Symposium zum Thema „Welche Medikamente nehmen Menschen mit Diabetes nicht ein“ deutlich.

Das Nicht-Erreichen der Therapieziele ist oftmals durch eine vorhandene Non-Adhärenz bedingt. Rund jede 5. Tablette wird von den Patienten nicht regelmäßig eingenommen. Da Diabetes häufig begleitet wird von weiteren Erkrankungen, ist es nicht verwunderlich, dass Diabetespatienten eine Polypharmazie aufweisen. Mit zunehmender Anzahl an einzunehmenden Arzneimitteln steigt das Risiko für das Auftreten von arzneimittelbezogenen Problemen und damit die Gefahr von Non-Adhärenz. Patienten gelten als adhärent, wenn die durchschnittliche Anzahl an Tagen mit einer ausreichenden Medikamentenversorgung <80% beträgt, was durch die „medication possession ratio“ beschrieben wird. Dieses Ziel erreichen jedoch im Durchschnitt nur etwa 65% der Diabetespatienten. Es gibt viele Gründe, wieso Patienten ihre Arzneimittel nicht einnehmen: Patienten vergessen die Einnahme, sie vergessen, rechtzeitig ihre Medikamente neu verordnen zu lassen, oder sie vergessen die Einnahme im Urlaub. Bei anderen Patienten treten Nebenwirkungen auf oder sie sind der Ansicht, dass die Arzneimittel nicht wirken und lassen sie daher weg.  

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