Chirurgie: Nicht immer eine Lösung

„Messer sticht Metformin“, „Diabetes durch bariatrische Chirurgie geheilt“, „Adipositas – keine Erkrankung der Inneren Medizin“… Diese und mehr plakative Überschriften geistern durch die Presse und machen auch vor den Toren des DDG-Kongresses nicht halt. Dabei werden in der Euphorie der kurzfristigen und durchaus positiven Ergebnisse der Sleeve-Gastrektomien und Magen-Bypass-Operationen häufig Langzeitfolgen gar nicht erst erwähnt. 

Herausgestochen ist deshalb der Vortrag von Herrn Prof. Aberle aus Hamburg, der die möglichen negativen Folgen der immerhin mindestens 10% der Patienten, die hinterher nicht joggend im Alten Elbtunnel anzutreffen sind, präsentierte. Insbesondere die steigende Inzidenz der psychischen Störungen (Depression, Selbstverletzung, Alkoholabusus) hinterlässt ein ungutes Gefühl in der Magengegend und zeigt, dass man auch bei Übergewicht dringend und zwingend nach der eigentlichen Ursache suchen muss. Mit Essen lässt sich vermeintlich viel kompensieren: fällt dies plötzlich weg, scheint sich offensichtlich eine bereits seit längerem bestehende Depression zu demaskieren, mit der Patienten unter Umständen alleine gelassen werden.

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Wie kleine Dinge Großes vollbringen

Überall sieht und erkennt man sie, die kleinen, flachen, weißen Sensoren an Armen, Bauch oder Hüfte. Egal ob jung, ob alt, ob Sportler oder Couch-Potato. Der digitale Fortschritt hat sie alle überzeugt und eine neue Community kreiert.

Es ist DIE neue digitale Technik, das continuous glucose monitoring, welches ganz eindeutig in den letzten Jahren zu der Neuerung unter den Therapieoptionen des Diabetes mellitus zählt. Ob das Flash Glukose Messsystem (FGM) von Abbott oder das Real-Time-CGM-System (rtCGM) von Dexcom, wer auf dem diesjährigen Diabetes Kongress seiner Umgebung nicht nur mit Ohren sondern auch mit Augen gefolgt ist, hat sie erkannt: in der Schlange am Kaffeestand, in der Sitzreihe direkt vor einem oder morgens früh in der S-Bahn auf dem Weg zum ersten Vortrag des Tages.

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Wenn aus Social Network Wissenschaft wird

Instagram, Twitter, Facebook und WhatsApp sind Namen, die jeder kennt und mit etwas verbindet. Das soziale Netzwerk war bis jetzt für mich nur ein Tool zur Kommunikation und zum Zeitvertreib. Schnell eine WhatsApp geschrieben, ein Bild bei Instagram gepostet und eben noch den Status bei Facebook geändert. Was heutzutage so einfach für jedermann geht, ging 2008 als Ijad Madisch ResearchGate gründete nur schwer.

 Der diesjährige Fest- und Eröffnungsredner meinte es genauso damals wie auch heute ernst, als er verkündete, die Welt zu verändern und den Nobelpreis anstrebt. Am Anfang nur müde belächelt und von seinem Chef vor die Wahl gestellt, ob er entweder seinen Traumgespinnst nachläuft oder seinen Job behalten kann, entschied sich Madisch dafür, dass er mehr kann.

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Mozartmusik oder doch lieber den Gestationsdiabetes behandeln?

Innerhalb des Programmes der Nachwuchsförderung gab es auch wieder den tollen und sehr informativen Nachwuchstag. Es wurden wieder viele interessante Vorträge gehalten – dieses mal gab es auch eine Session über Schwangerschaft und Diabetes. Besonders interessant fand ich die Ergebnisse der aktuellen Forschung von L. Fritsche und seiner Arbeitsgruppe aus Tübingen. Er präsentierte uns in seinem Vortrag „Neue Erkenntnisse zu Gestationsdiabetes“, das die kindliche Herzfrequenzrate durch akut hohe mütterliche Blutglukosewerte ansteigt. Diese hat somit eine direkte, akute Auswirkung auf das Kind. Zudem wurden Experimente durchgeführt, welche zeigten, dass Feten von Müttern mit einem Gestationsdiabetes im Verlauf der Schwangerschaft immer weniger auf akustisch und visuell provozierte Signale im Vergleich mit Feten von Müttern ohne den Diabetes reagieren. Ich fand diese Ergebnisse ziemlich erschreckend. Eine Reizüberflutung durch ständige Mozartmusik auf dem Bauch ist eben doch nicht die Lösung, sondern Prävention und rechtzeitige, nämlich schon vor der Schwangerschaft stattfindende Aufklärung.

Miriam Zimmermann

Therapietreue – gesagt ist nicht getan!

Arzneimittel können nur wirken, wenn sie wie verordnet vom Patienten eingenommen werden! Dass dies nicht immer der Fall ist, machte der Vortrag von Herrn Prof. Dr. Bernhard Kulzer in dem spannenden Symposium zum Thema „Welche Medikamente nehmen Menschen mit Diabetes nicht ein“ deutlich.

Das Nicht-Erreichen der Therapieziele ist oftmals durch eine vorhandene Non-Adhärenz bedingt. Rund jede 5. Tablette wird von den Patienten nicht regelmäßig eingenommen. Da Diabetes häufig begleitet wird von weiteren Erkrankungen, ist es nicht verwunderlich, dass Diabetespatienten eine Polypharmazie aufweisen. Mit zunehmender Anzahl an einzunehmenden Arzneimitteln steigt das Risiko für das Auftreten von arzneimittelbezogenen Problemen und damit die Gefahr von Non-Adhärenz. Patienten gelten als adhärent, wenn die durchschnittliche Anzahl an Tagen mit einer ausreichenden Medikamentenversorgung <80% beträgt, was durch die „medication possession ratio“ beschrieben wird. Dieses Ziel erreichen jedoch im Durchschnitt nur etwa 65% der Diabetespatienten. Es gibt viele Gründe, wieso Patienten ihre Arzneimittel nicht einnehmen: Patienten vergessen die Einnahme, sie vergessen, rechtzeitig ihre Medikamente neu verordnen zu lassen, oder sie vergessen die Einnahme im Urlaub. Bei anderen Patienten treten Nebenwirkungen auf oder sie sind der Ansicht, dass die Arzneimittel nicht wirken und lassen sie daher weg.  

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Von einer verrückten Idee zu einer bahnbrechenden Technologie

Vieles hat sich getan in 55. Jahren Deutsche Diabetische Gesellschaft!

Patienten profitieren ungemein von der zunehmende Technologisierung und innovativen Forschung in der Diabetestherapie und Prävention.

Welche Rolle hat die Digitalisierung in dieser Entwicklung? Wie sieht die Diabetologie der Zukunft aus?

Eine gelungenere Eröffnungsrede für den Diabetes Kongress in Berlin, wie die von Research Gate Gründer Dr. Ijad Madisch zum Thema Digitalisierung als immer zentraler werdender Teil der Medizin, hätte es wohl kaum geben können.

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Telemedizin-Projekt ViDiKi – ein Ausblick in die zukünftige Versorgung von Diabetespatienten?

Der Kongressvortrag von Frau Dr. von Sengbusch mit dem Titel „Telemedizinische Diabetesversorgung bei Kindern: neue Perspektive“ erläuterte anschaulich die Möglichkeit eines möglichen zusätzlichen Nutzen durch Telemedizin, gerade in Regionen mit einer geringen Dichte an Diabetologen oder bei schwierigen metabolischen Phasen des Patienten.

In der Studie speichern die Patienten ihre Daten der CGM-, Pen- und Pumpensysteme automatisch, über eine verschlüsselte Verbindung, in einer Cloud. Diese sind dann für den Telemediziner jederzeit und überall abrufbar. Die Beratung erfolgt dann zu vereinbarten Terminen via Videoverbindung. Die Patienten werden im ViDiKi-Projekt zusätzlich zur aktuellen Versorgung durch einen Diabetologen individuell in regelmäßigen Abständen durch einen Telemediziner betreut. Zudem bietet die Telemedizin den Vorteil, dass der Patient in seinem gewohnten Umfeld betreut wird und keine weitere Anreise notwendig ist. Dies ist gerade in einer Region mit einer geringen Dichte an Diabetologen von Vorteil. Die Anmerkungen des Telemediziners zur aktuellen Einstellung des Patienten sowie weitere Anregungen für Therapieoptimierungen werden vorab per Email versendet. Eine geringe Drop-out-Rate und das positive Feedback seitens der teilnehmenden Patienten, lässt mich darauf schließen, dass Telemedizin zukünftig ein fester Bestandteil der Patientenversorgung sein wird.

Natürlich stellt sich direkt die Frage nach der Wahrung des Datenschutzes und der Sicherheit der hochgeladenen medizinischen Patientendaten. Bei dem ViDiKi-Projekt wurden ausschließlich verschlüsselte Textnachrichten, E-Mails und Videoverbindungen verwendet. Es wäre meiner Meinung nach wünschenswert, wenn alle Hersteller von CGM-, Pen- und Pumpensystemen in Zukunft eine, vor unbefugten Zugriffen gesicherte, Cloud für das Hochladen von Patientendaten zur Verfügung stellen würden. Dies würde sicherlich auch für die jetzige Patientenbetreuung einen zusätzlichen Nutzen darstellen.

Die Möglichkeit der Telemedizin als zusätzlicher Patientenkontakt kann selbstverständlich auch von den Diabetesberatern sinnvoll genutzt werden. Und ich bin davon überzeugt, dass die Telemedizin auch die Möglichkeit bietet die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker zu verbessern. Da beispielsweise auch die in der Apotheke vorliegenden medizinischen Daten und Angaben zur aktuellen Compliance/Adhärenz des Patienten hochgeladen werden könnten.

Maira Anna Deters

Digitaler Diabetes-Datenschatz

Schlagwörter wie „Big Data“, „Digitalisierung“ und „Künstliche Intelligenz“ werden geradezu inflationär benutzt und auch in der Diabetologie mit großen Erwartungen versehen. Doch welche Anforderungen müssen zunächst erfüllt werden, um mit neuen Methoden der Datenauswertung einen Fortschritt für die Patienten zu erreichen?

Prof. Dr. Martin Hrabě de Angelis vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung erläuterte in seinem Vortrag zu Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (KI) im Symposium „Innovative Diabetesforschung“ zunächst die FAIR-Kriterien. Das Bedeutet, dass Datenquellen findable, accessible, interoperable und reusable sein müssen, um genutzt werden zu können. Gerade die Interoperabilität und damit Zusammenführung verschiedener Quellen – von der Grundlagenforschung bis zu klinischen Registern – wäre aus meiner Sicht in der Diabetologie besonders spannend, auch weil die Diabetologie mit den CGM-Daten wie kaum ein anderes klinisches Fach bisher kontinuierliche vom und am Patienten erfasste Daten aufweist.

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Closed-loop-Systeme: nur mit hohem Schulungsaufwand und das ist auch gut so!

Als junge Assistenzärztin in einer Kinderklinik mit einer Diabetesstation in Nordrhein-Westfalen interessierte mich das Symposium „Von CGM und SUP zum closed loop“. Ich sehe, wie viele Kinder aus unserer Klinik von den Continuous Glucose Monitoring (CGM)-Systemen und den Insulinpumpen profitieren. Der großen Frage „Wann kommt die künstliche Bauchspeicheldrüse?“ ist Dr. T. Danne aus Hannover nachgegangen.

Zu Beginn des Symposiums stellte Dr. R. Holl die Studie HypoDe vor. In dieser konnte gezeigt werden, dass die Nutzung von CGM Hypoglykämien um ca. 2/3 reduziert. Er zeigte auch, dass der Anteil der Patienten mit Pumpentherapie in den letzten Jahren rasant gestiegen ist, gerade in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen. Der Anteil der Patienten mit Insulinpumpe bei Kinder <5 Jahren liegt aktuell bei ca. 90%. Auch der Anteil der Patienten mit CGM liegt zwischen 50-70% in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen.

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Von der Stimmgabel zur Smartphone-App – Neue Diagnostik-Wege in der Polyneuropathie

Unkonventionell – was könnte in einem Programm mit einer Vielzahl an verheißungsvollen Themen aus der Masse herausstechen, wenn zwischen mehreren gleichzeitig laufenden Symposien entschieden werden muss? Diese Frage haben mehr Kongress-Teilnehmer mit „Unkonventionelle Diagnostik bei Neuropathie“ beantwortet, als der Saal Sitzplätze geboten hat. Passenderweise begann PD Dr. Ovidiu Alin Stirban augenzwinkernd mit den Worten, er habe einen unkonventionellen Titel für sein Thema gesucht.

Ein großes Problem der distalen sensorischen Polyneuropathie (DSPN) ist, dass sie häufig nicht erkannt wird. In einer Studie von Ziegler et al. (2018) wurde gezeigt, dass die schmerzhafte DSPN bei bekanntem Diabetes in 62% der untersuchten Fälle nicht diagnostiziert wurde, bei der schmerzlosen DSPN waren es sogar 81%.

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