Einblicke in eine digitalisierte Praxis

Digitalisierung ist ein Thema, welches im medizinischen Bereich bei vielen Menschen mit ambivalenten Gefühlen verbunden ist. Während die einen große Chancen durch Zeitersparnis und neue Möglichkeiten sehen, befürchten die anderen, dass der Patientenkontakt darunter leiden könnte oder die Digitalisierung zu viele Ressourcen beansprucht. Im Vortrag „Wie digital kann eine Diabetespraxis sein? Eine virtuelle Hospitation“ hat Dr. Mesut Durmaz Einblicke in seine digitalisierte Praxis und den Nutzen verschiedener digitaler Anwendungen im Praxis-Alltag gegeben.

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Wenn der Patient selbst sein bester Behandler ist – Über den Umgang mit Loopern in der Praxis

Was tun, wenn der Patient Wege der Therapie beschreitet, die Ärzte nicht mitgehen können und dürfen? Wie mit Patienten umgehen, die selbst ihre besten Behandler zu sein scheinen? Die 13. Herbsttagung der DDG in Leipzig suchte Antworten auf diese realen Fragen von Ärzten und Patienten.

Eine Einladung zum Gespräch öffnet Türen und baut Mauern ab:
Mit der MinimedTM670G brachte das Unternehmen Medtronic im September 2019 die erste hybrid-closed-loop-Pumpe in Deutschland auf den Markt, die die Insulinabgabe abseits der Mahlzeiten und sportlicher Aktivität automatisch an den Bedarf anpasst.
Auf der anderen Seite wollen viele Patienten schon seit Jahren nicht auf den technologischen Fortschritt zur Optimierung der Therapie warten: #WeAreNotWaiting.
Unter diesem Slogan individualisieren und optimieren nach Schätzungen rund 500 – 1.000 „Looper“ in Deutschland ihre Diabetes-(Typ 1)-Therapie mit selbst konstruierten closed-loop-Systemen, wo Unternehmen, Gesetzgeber und Zulassungsstellen an ihre Grenzen geraten – und bewegen sich damit in einer rechtlichen Grauzone. Über den Umgang, die Behandlung und Beratung dieser „DIY-Patienten“ macht das von der DDG in Auftrag gegebene Gutachten vom 30.07.2018 Aussagen. Zur Herbsttagung stellte Dr. med. Henrike Hilbig die von vielen Loopern genutzte Open-Source-App AndroidAPS (APS: artificial pancreatic system) vor, mit denen Insulinpumpe, CGM und Smartphone/ Smartwatch zu einem geschlossenen System verknüpft werden. Während die FDA für das System MinimedTM670G lediglich einen unteren Grenzwert von 120mg/dl (6,7 mmol/l) zuließ – ein Wert, der z.B. für die Therapie von schwangeren Patientinnen zu hoch ist – können DIY-Systeme mit Grenzwerten von z.B. 90mg/dl (5 mmol/l) arbeiten.  

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Eine neue Dimension der Diabetes-Forschung

In Zeiten der künstlichen Intelligenz (KI), dem Internet of Things und Big Data verschmilzt auch die Medizin immer mehr mit der Digitalisierung. Im Rahmen des Symposiums „Innovative Diabetesforschung und zukunftsfähige Versorgung – Diabetologie 4.0?!“ wurde versucht dieser Entwicklung mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Durch riesige Datenbanken in Kombination mit Algorithmen wäre es besser möglich einen sogenannten „pre-disease state“ bei Diabetes mellitus molekular zu identifizieren und genau hier zu intervenieren; ein unglaublicher Benefit sowohl für PatientInnen, als auch das Gesundheitssystem, welches aufgrund der stark steigenden Inzidenz dieser Erkrankung vor immer mehr Herausforderungen gestellt wird.

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Closed-Loop-Systeme – Eine Gratwanderung für Ärzte und Patienten

Nun sag, wie hast dus mit dem Loopen? könnte die Gretchenfrage des diesjährigen Diabetes-Kongress der DDG in Berlin gewesen sein. In seinem Vortrag über Closed-Loop-Systeme zur Insulin-Pumpentherapie fragte Dr. Bernhard Gehr seine Zuhörer nach deren Einstellung zum Thema Loopen. Das Ergebnis hatte es in sich. Während rund 40% dem Loopen sehr kritisch gegenüber standen und ihren Patienten bei Nachfrage von der Technik abraten, haben ebenso viele die entsprechenden Technologien schon öfters empfohlen oder beraten sogar aktiv dazu. Die restlichen 20% gaben an, die Therapieoption lediglich in besonders komplexen Fällen in Erwägung ziehen zu wollen. Die Diabetologen zeigten sich also angesichts der neuen Entwicklungen in der Pumpentherapie tief gespalten. Den Wunsch nach besserer HbA1c-Einstellung und höherer Time in Range bei zugleich weniger Hypoglykämien und Alarmen – sprich Lebensqualität – möchte man prinzipiell keinem Diabetes-Patienten abschlagen. Aber um welchen Preis? Für Ärzte ist es problematisch, dass bisher nur wenige Geräte in Deutschland zugelassen sind, allesamt ohne Basalratenmodulation. Tüftler und Bastler bieten Open Source Lösungen im Internet an, angeblich mit hoher Sicherheit, aber Zulassungen und kontrollierte Studien fehlen.
Angesichts dieser merklichen Unsicherheit bot Herr Gehr in seinem Vortrag Klarheit und Orientierung für Ärzte im Umgang mit der aufstrebenden Technologie. Demnach machen sich Patienten, die Loopen, nicht strafbar, verlieren jedoch Haftungsansprüche gegenüber der Hersteller. Ärzte sind nicht verpflichtet, Patienten über die Technologie zu informieren, darf den Loopenden Patienten aber nach sorgfältigster Aufklärung weiterhin behandeln. Bis eines Tages zugelassene Devices auf den Markt kommen, muss sich also jeder Diabetologe selbst der Gretchenfrage stellen. Der individuelle Leidensdruck der Patienten könnte eine Antwort bieten.

Pablo Nieratschker

Basecap – das neue Erfolgsrezept?

Zum 55-jährigen Bestehen der DDG war der Unterhaltungswert der Eröffnungsveranstaltung durch den erfrischenden Vortrag von Dr. Ijad Madisch kaum zu übertreffen, in dem er von seiner „verrückten Idee bis hin zu einer bahnbrechenden Technologie“ referierte. Der Mediziner und promovierte Virologe darf sich zusätzlich als Mitgründer des Berliner Start-ups „ResearchGate“, einer Art sozialen Netzwerks für Forscher aus allen Wissenschaftsbereichen bezeichnen. Ijad Madisch prangert an, dass momentan nur ein Bruchteil der gesamten Forschungsergebnisse in Fachjournalen veröffentlicht wird – der sogenannte Publikationsbias schlägt hier zugrunde. Indem bevorzugt „positive“ beziehungsweise signifikante Ergebnisse veröffentlicht werden, wohingegen nicht-signifikante Ergebnisse in den Schubladen der Forschungsinstitute verbleiben, entsteht eine verzerrte Darstellung der Datenlage. Genau diese Erkenntnisse oder missglückten Experimente möchte der gebürtige Wolfsburger auf seiner Plattform, die auch als „Facebook der Wissenschaft“ tituliert wird, bereitstellen, damit keine Fehler mehrfach gemacht werden und Durchbrüche in der Wissenschaft gemeinsam schneller erreicht werden können.

Besonders beeindruckend habe ich das unkonventionelle Auftreten des Unternehmers empfunden, das er unberührt von seinem Gegenüber in scheinbar allen Situationen beibehält. So sorgte ein 20018 entstandenes Foto für Furore, welches Ihn mit Angela Merkel und weiteren Experten des Digitalrates der deutschen Bunderegierung, zu welchem er sich ebenfalls zählen darf, in Superman-Cap, kurzer Hose und Sneakers abbildet. Vermutlich hat auch diese lockere Art, neben seinem visionären Denken seine Dienste geleistet, als er Bill Gates als Investor mit an Bord von „ResearchGate“ holen konnte, welches inzwischen über 15 Millionen Mitglieder verzeichnen kann.

Die Organisatoren haben meiner Meinung nach eine gute Wahl für den Eröffnungsvortrag getroffen, da die DDG und „ResearchGate“ durch den gemeinsamen Leitgedanken der Vernetzung von Wissenschaftlern verbunden sind.

Julia Hummel

Werden Medikamente gegen Übergewicht bald Realität?

Eine Empfehlung für jeden Kongressbesucher: die Langerhans-Vorlesung im Rahmen der Preisverleihung der Paul-Langerhans-Medaille der Deutschen Diabetes Gesellschaft – in diesem Jahr verliehen an Matthias Tschöp.

Prof. Tschöp – seit 2018 wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz Zentrums Münchens – erforscht unter anderem Poly-Agonisten als potenzielle Medikamente für Typ-2-Diabetes und so auch der Titel seiner Vorlesung: „Poly-Agonisten für Typ-2-Diabetes: Entdeckung, Mechanismen und klinische Wirksamkeit“.

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Chirurgie: Nicht immer eine Lösung

„Messer sticht Metformin“, „Diabetes durch bariatrische Chirurgie geheilt“, „Adipositas – keine Erkrankung der Inneren Medizin“… Diese und mehr plakative Überschriften geistern durch die Presse und machen auch vor den Toren des DDG-Kongresses nicht halt. Dabei werden in der Euphorie der kurzfristigen und durchaus positiven Ergebnisse der Sleeve-Gastrektomien und Magen-Bypass-Operationen häufig Langzeitfolgen gar nicht erst erwähnt. 

Herausgestochen ist deshalb der Vortrag von Herrn Prof. Aberle aus Hamburg, der die möglichen negativen Folgen der immerhin mindestens 10% der Patienten, die hinterher nicht joggend im Alten Elbtunnel anzutreffen sind, präsentierte. Insbesondere die steigende Inzidenz der psychischen Störungen (Depression, Selbstverletzung, Alkoholabusus) hinterlässt ein ungutes Gefühl in der Magengegend und zeigt, dass man auch bei Übergewicht dringend und zwingend nach der eigentlichen Ursache suchen muss. Mit Essen lässt sich vermeintlich viel kompensieren: fällt dies plötzlich weg, scheint sich offensichtlich eine bereits seit längerem bestehende Depression zu demaskieren, mit der Patienten unter Umständen alleine gelassen werden.

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Wie kleine Dinge Großes vollbringen

Überall sieht und erkennt man sie, die kleinen, flachen, weißen Sensoren an Armen, Bauch oder Hüfte. Egal ob jung, ob alt, ob Sportler oder Couch-Potato. Der digitale Fortschritt hat sie alle überzeugt und eine neue Community kreiert.

Es ist DIE neue digitale Technik, das continuous glucose monitoring, welches ganz eindeutig in den letzten Jahren zu der Neuerung unter den Therapieoptionen des Diabetes mellitus zählt. Ob das Flash Glukose Messsystem (FGM) von Abbott oder das Real-Time-CGM-System (rtCGM) von Dexcom, wer auf dem diesjährigen Diabetes Kongress seiner Umgebung nicht nur mit Ohren sondern auch mit Augen gefolgt ist, hat sie erkannt: in der Schlange am Kaffeestand, in der Sitzreihe direkt vor einem oder morgens früh in der S-Bahn auf dem Weg zum ersten Vortrag des Tages.

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Wenn aus Social Network Wissenschaft wird

Instagram, Twitter, Facebook und WhatsApp sind Namen, die jeder kennt und mit etwas verbindet. Das soziale Netzwerk war bis jetzt für mich nur ein Tool zur Kommunikation und zum Zeitvertreib. Schnell eine WhatsApp geschrieben, ein Bild bei Instagram gepostet und eben noch den Status bei Facebook geändert. Was heutzutage so einfach für jedermann geht, ging 2008 als Ijad Madisch ResearchGate gründete nur schwer.

 Der diesjährige Fest- und Eröffnungsredner meinte es genauso damals wie auch heute ernst, als er verkündete, die Welt zu verändern und den Nobelpreis anstrebt. Am Anfang nur müde belächelt und von seinem Chef vor die Wahl gestellt, ob er entweder seinen Traumgespinnst nachläuft oder seinen Job behalten kann, entschied sich Madisch dafür, dass er mehr kann.

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Mozartmusik oder doch lieber den Gestationsdiabetes behandeln?

Innerhalb des Programmes der Nachwuchsförderung gab es auch wieder den tollen und sehr informativen Nachwuchstag. Es wurden wieder viele interessante Vorträge gehalten – dieses mal gab es auch eine Session über Schwangerschaft und Diabetes. Besonders interessant fand ich die Ergebnisse der aktuellen Forschung von L. Fritsche und seiner Arbeitsgruppe aus Tübingen. Er präsentierte uns in seinem Vortrag „Neue Erkenntnisse zu Gestationsdiabetes“, das die kindliche Herzfrequenzrate durch akut hohe mütterliche Blutglukosewerte ansteigt. Diese hat somit eine direkte, akute Auswirkung auf das Kind. Zudem wurden Experimente durchgeführt, welche zeigten, dass Feten von Müttern mit einem Gestationsdiabetes im Verlauf der Schwangerschaft immer weniger auf akustisch und visuell provozierte Signale im Vergleich mit Feten von Müttern ohne den Diabetes reagieren. Ich fand diese Ergebnisse ziemlich erschreckend. Eine Reizüberflutung durch ständige Mozartmusik auf dem Bauch ist eben doch nicht die Lösung, sondern Prävention und rechtzeitige, nämlich schon vor der Schwangerschaft stattfindende Aufklärung.

Miriam Zimmermann