Caipi oder Mojito? – Diabetes Typ 1 im jungen Erwachsenenalter

Gestern Abend ist die Wahl bei einem Abendessen mit Freunden bei mir auf Caipi gefallen, bei dem der Barkeeper es mit dem Zucker ganz schön gut gemeint hat.

Heute bin ich auf dem Diabetes Kongress und besuche als erstes einen Vortrag, der mich persönlich ganz schön zum Nachdenken über die Wahl meines Cocktails gestern anregen wird.

In diesem Symposium wird über die adäquate Behandlung und Begleitung junger Erwachsener mit Diabetes Typ 1 diskutiert. Die zu diskutierende Problematik war mir noch nie wirklich bewusst gewesen vorher. Wie werden junge Menschen, die das Erwachsenenalter erreicht haben und nicht mehr durch einen Pädiater betreut werden, optimal weiter betreut? Man kann doch keinen 18-jährigen mit einem 65-jährigen Typ-2- Diabetiker in ein Behandlungsprogramm stecken, denke ich. Und nur weil man plötzlich per definitionem erwachsen ist, ist der Körper des Jugendlichen ja noch nicht auf einen Schlag bereit für andere Behandlungskonzepte.

Als Antwort auf diese Fragen wurde unter anderem das Berliner Konzept vorgestellt, bei dem teilnehmende Kinderärzte zusammen mit den Jugendlichen und auch deren Eltern (falls gewünscht) den Übergang in die langfristige Behandlung durch einen Diabetologen planen. Im Publikum und auch bei mir stößt dieses Konzept auf Begeisterung. Den Übergang der Versorgung sorgsam zu planen ist wichtig wie Frau Dr. Kulzer erklärt. Wozu versucht man das ganze Kindes- und Jugendalter den Hba1c konstant zu halten, wenn man es als betreuender Arzt zulässt, den Patienten in ungewisse Zukunft gehen zu lassen? Gerade im jungen Erwachsenenalter können zu hohe Zuckerwerte schwerwiegende Folgen für das ganze weitere Leben eines jungen Mensches haben. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich an dieser Stelle wirklich dankbar, dass ich nicht an Diabetes-Typ-1 leide und mir um meine Gesundheit in 20 Jahren jetzt schon solche Sorgen machen und Vorsorge treffen muss. Für mich war Diabetes im Jugendalter bis zu diesem Punkt eher Unannehmlichkeit, sich spritzen zu müssen, oder eine Insulinpumpe tragen zu müssen, die man dann aus Scham versteckt. Jetzt ist mir klar, dass Patienten in meinem Alter noch von viel weiter tragenden Sorgen geplagt waren. „Mann, das sind Patienten, die nur wenig jünger sind als ich“, denke ich während ich der Dozentin zuhöre. Es werden auch Fragen angesprochen, die sich wohl jeder Jugendliche stellt, während er versucht, sich irgendwie selbst kennen zu lernen. Wie dankbar kann ich sein, dass mein größtes Problem zu diesem Zeitpunkt war, ob ich zu Partys gehen darf und welchen Cocktail ich dort trinken werde und nicht, ob ich überhaupt einen Cocktail trinken kann und wie es mir dann gehen würde oder wie viel Insulin ich denn noch spritzen müsste.

Noch über den Vortrag grübelnd gehe ich anschließend mit den anderen Stipendiaten durch die Ausstellung der Pharma- und Medizintechnikfirmen. Es gibt einiges zu sehen und zu erleben. Besonders eindrücklich sind für mich die 3D-Brillen einer der größeren Firmen. Zum einen kann man hier die Retinopathie einer Diabetikers mit schwarzem Rußregen einmal am eigenen Leib erfahren und zum anderen den Weg durch ein artheriosklerotisches Blutgefäß gehen. So sieht das dann also von innen aus, wenn man an Diabetes mellitus und seinen Ko-Morbiditäten leidet. Wieder wandern meine Gedanken an dieser Stelle zu den jungen Leuten in meinem Alter, die irgendwann von all diesen Problemen betroffen sein könnten oder bereits sind. Der Leidensdruck muss so groß sein für meine Altersgenossen. Gerne würde ich an dieser Stelle noch mehr über die Erkrankung in besonderen Personengruppen erfahren wie etwa Schwangeren. Dazu entdecke ich im Programm einen Workshop. Oh schade, das ist nicht für uns Studenten gedacht und ich bin nicht angemeldet. Hier fällt mir beim Blick in das Programm jedoch auf wie viele andere hochinteressante Vorträge es noch zu besuchen gibt etwa wie „Diabetes und Depression“ oder einen weiteren Workshop zum Thema „Diabetes und Migranten“. Es gibt viel mehr Angebote zum Lernen und zur Auseinandersetzung mit der Erkrankung als ich tatsächlich wahrnehmen kann!

Der nächste wichtige Punkt auf meiner Agenda sind die Impulsvorträge unserer Mentoren, die aus vielen verschiedenen Bereichen der Medizin kommen und dem Diabetes mellitus den Kampf angesagt haben. Während der Einblicke in die Grundlagenforschung, die Arbeit als Mediziner in der Pharmaindustrie und den klinischen Alltag eines Diabetologen, passieren zwei Dinge: Zum einen werde ich selbst so langsam hypoglykämisch (immerhin ist es bereits Mittag) und mir wird klar, dass ich meine Fähigkeiten nutzen, in den Ring steigen und mitkämpfen möchte.

Selbst wenn ich mich persönlich nicht unbedingt in der inneren Medizin sehe in 10 Jahren, möchte ich nach diesem lehrreichen, spannenden und anregendem Kongress Teil des Teams werden. Egal ob als Chirurgin, Pädiaterin, Pharmareferentin, ärztliche Direktorin oder forschende Wissenschaftlerin, ich kann und möchte in meiner späteren Rolle als Ärztin den Jugendlichen mit Diabetes Typ 1 und natürlich auch allen Patienten mit Typ 2 helfen, durch die Erkrankung nicht an Lebensqualität zu verlieren und mit Freunden einen Cocktail genießen zu können und sich dabei lediglich fragen zu müssen: „Caipi oder Mojito?“.

3 Gedanken zu “Caipi oder Mojito? – Diabetes Typ 1 im jungen Erwachsenenalter

  1. Hallo Luisa,
    unter euch Studis bei der Herbsttagung gibt es doch sicher auch den ein oder anderen mit T1DM.
    Frag sie doch mal über ihren Umgang mit deren Erkrankung.
    Klar sind das auch nur „Stichproben“, aber Begrifflichkeiten wie „leiden“, auch wenn sie im allgemeinen Sprachgebrauch so verwendet werden sind bei reinen Inhalten we bspw. eine Krankheit „zu haben“ immer schon sehr wertend. „[…]Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich an dieser Stelle wirklich dankbar, dass ich nicht an Diabetes-Typ-1 leide […] […] Der Leidensdruck muss so groß sein für meine Altersgenossen“.
    Interessant sind ja letzten Endes die Faktoren, die Personen mit Diabetes auch bspw. mit den Folgeerkrankungen oder den Ängsten davor und dem ganzen Therapiegedöns im Alltag unterstützen.

    • Hallo Klara! Das Wort „leiden“ war sicher eher im Sinne von „die Erkrankung haben“ gemeint. Niemand möchte Menschen mit Diabetes die Lebensfreude absprechen. Dennoch kann man durchaus sagen, dass es sich um eine Erkrankung handelt, die den Betroffenen beizeiten auch zur Last werden kann.

  2. Sehr gelungener Artikel, Frau Kraus, wirklich erfrischend, eventuelle Facetten der Problematik mit DM I Jugendlicher auch aus einer sehr modernen und vor allem relevanten Sichtweise darzustellen.

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