Dick – doof – Diabetes?

Stellen Sie sich bitte vor, Sie fahren gerade mit dem Bus nach Hause, und ein schwer übergewichtiger Mann steigt ein. Die Leute drehen sich um, kleine Kinder zeigen mit dem Finger auf ihn, verächtliche Blicke werden ihm zugeworfen. Faul, selbst Schuld, dick, doof – das sind die Attribute, die die breite Masse einem übergewichtigen Menschen zuschreibt und die uns zum Teil auch durch den Kopf gehen, wenn wir uns ehrlich sind. Doch hat dieser Mann das wirklich verdient, von der Gesellschaft sofort diesen Stempel aufgedrückt zu bekommen? Nein, denn keiner kennt diesen Mann.

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„Die Mauer ist nicht gefallen“, noch nicht gefallen, aber kann fallen

„Dick, doof, Diabetes?“, der Vortrag von Dr. Scheper am Students' Diabetes Day, versuchte eine Mauer zu durchbrechen, und nämlich das Stigma, das Patienten mit Diabetes mellitus 2 (DM2) in den Augen der Gesellschaft ständig „dick“ und „doof“ erscheinen lässt.

Praxis der Ernährungsberatung – Bericht über einen Workshop

Im Rahmen der Diabetestagung habe ich einen Workshop zum Thema „Praxis der Ernährungsberatung“ besucht. 20 Ernährungsberaterinnen und ich lauschten 10 Minuten einem Vortrag über allgemeine Ernährungstipps und Verhältnisangaben, wie sich eine Diabetes-geeingete Kost zusammen setzen sollte, 10 Minuten, danach brach die Missstimmung einiger Teilnehmerinnen sich den Weg durch dünne Geduldsdecke.

Was ich (als Student) als guten Einstieg in die Thematik empfungen hatte, löste bei vielen Teilnehmerinnen ungeduldige Zwischenrufe aus. Es wurde kritisiert, dass der Workshop keine „Praxistipps“ vermitteln würde, beispielsweise wie eine Kohlenhydratarme Diät mit den Patienten gut umzusetzen sei. Beschwichtigungen seitens der Dozentin, dass auch das im Workshop betitelte Thema „Praxistipps“ einen Platz im finden würde, wurden missmutig aufgenommen.

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Alle Jahre wieder…

Was beim Impfen von Menschen mit Diabetes nicht vergessen werden darf

Pflichtbeitrag im Rahmen des Reisestpendiums der DDG zur Herbsttagung 2019 in Leipzig, verfasst von Konrad Didt

Alle Jahre wieder ist auch auf der Nordhalbkugel Grippe-Saison. Der hoch ansteckenden und teils lebensbedrohlichen Viruserkrankung sei bis heute nur mit einer ausreichenden Impfung der Bevölkerung beizukommen, so Prof. Dr. Wolfgang Pfister, Facharzt für Mikrobiologie in Jena. Zur Vortragsreihe „Diabetes und Hygiene“ während der Herbsttagung der DDG stellte er anhand von mehreren aktuellen Beispielerkrankungen dar, dass Menschen mit Diabetes eine besondere Sorgfalt beim Impfen zukommen muss. So falle diese Patientengruppe laut den Empfehlungen der STIKO in die Kategorie der zu Impfenden mit Stoffwechselstörungen und dies habe für die Einhaltung des Impfkalenders teils erhebliche Unterschiede zur Folge, die Beachtung finden müssten. Als konkretes Beispiel lieferte Pfister bei der Indikationsimpfung gegen Herpes Zoster die Vorverschiebung des Impfalters von 60 auf 50 bei bestehendem Diabetes mellitus. Gemessen an der Prävalenz sowohl des Diabetes als auch der Gürtelrose ist dieser kleine Fakt bereits von ungeheuerer Relevanz wegen der schieren Anzahl an vermeidbaren Krankheitsfällen und Spätkomplikationen wie der Post-Zoster-Neuralgie. Diese und weitere wichtige Informationen aus dem Vortrag wären bestimmt auch für andere interessant gewesen, jedoch hatte die Vortragsreihe das schwere Los gezogen, am Ende der Herbsttagung zu stehen, so dass nur wenige ihr beiwohnen konnten. Ich wünsche mir daher, dass auch bei künftigen Veranstaltungen der DDG das Thema Hygiene präsent ist!

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Interkulturelle Kompetenzen – oder doch „nur“ Mediziner*innen?

„Wir sind doch Mediziner*innen“, denken sicherlich bis heute viele von uns, unsere noch studierenden oder bereits approbierten Kolleg*innen. Das kulturelle oder soziale Umfeld der Patient*innen ist für viele von uns häufig etwas, das, wenn es überhaupt Beachtung findet, eher als eine zusätzliche Hürde auf dem Weg zu Diagnose und Therapie wahrgenommen wird. Dabei können genau diese Aspekte versteckte Risiko- oder Einflussfaktoren darstellen, die in bestimmten Situationen hochrelevant werden können.

Während der Tagung konnte ich, entgegen meiner ursprünglichen Erwartung, dass Kongresse sich vor allem auf die neuesten Erkenntnisse aus klinischer oder Grundlagenforschung konzentrieren, an diversen Symposien teilnehmen, die sich mit sozialen und kulturellen Fragen und deren Einfluss auf die Patient*innen-Gesundheit auseinandergesetzt haben. In diesem Kontext ist nicht nur unser Un-Wissen relevant und zum Teil sogar gefährlich, sondern vor allem auch unsere Voruteile, die sich in unseren Köpfen formen, noch bevor wir die Möglichkeit haben, wahrhafte Informationen zu einer uns fremden Kultur sammeln zu können.

Überrascht hat mich daraufhin im Symposium zu Migration, Schwangerschaft und Diabetes, dass wir bisher Migration als einen möglichen Risikofaktor bezogen auf die maternale Gesundheit in der Schwangerschaft sowie das fetale Outcome wahrgenommen haben, Studien jedoch zeigen, dass dies nicht generell der Fall ist. Stattdessen haben diverse Studien gezeigt, dass bestimmte Risikofaktoren sich zwar stark zwischen verschiedenen Kulturkreisen unterscheiden können, jedoch nicht generalisiert mit Migration in Verbindung gebracht werden können. So haben beispielsweise vor allem Frauen mit türkischem Ursprung ein gegenüber Frauen aus deutschsprachigen Kulturen stark erhöhtes Risiko einen Gestationsdiabetes zu entwickeln. Außerdem können sich kulturelle Traditionen wie beispielsweise der Ramadan, der Fastenmonat muslimischer Kulturen, negativ auf eine bestehende Schwangerschaft auswirken. Das Fasten beeinflusst das fetale Outcome vor allem im ersten Trimenon, sodass eine frühe, kultursensitive Beratung essentiell ist.

Sowohl im Studium als auch im späteren Beruf reicht es demnach in unseren heute zunehmend diverser werdenden Gesellschaften nicht mehr aus, sich allein mit dem „Regelfall“ zu beschäftigen. Es reicht nicht, die Medizin allein auf Evidenz und verschiedene, objektive Messgrößen zu basieren. Wir müssen (noch besser) lernen, den gesamten Menschen hinter einer Diagnose wahrzunehmen und versuchen, in möglichst vielen Dimensionen zu verstehen.

Pia-Marie Droste

Eine Reise, die sich gelohnt hat…!!

Die Stadt Leipzig ist 1439 km von Thessaloniki in Griechenland entfernt. Aber die Entfernung hat mir nicht abgeraten, hierher zu kommen und an der Diabetes Herbsttagung teilzunehmen. Und ich muss zugeben, dass es eine echt tolle und lehrreiche Erfahrung war.

Als Nächstes wurden wir als Reisestipendiaten von unseren Mentoren ganz herzlich begrüßt. Alle waren bereit, uns zu helfen. Sie haben uns Ratschläge hinsichtlich Karrieremöglichkeiten, Forschung, Familie und Beruf gegeben und auf unsere persönlichen Fragen und Sorgen geantwortet. Das ist von großer Bedeutung für eine junge Person, die ihre ersten Schritte in der Medizin macht.

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Diabetes zum Frühstück

Es ist Freitag morgen. Beim Zähneputzen höre ich die Nachrichten, die politischen Extreme werden immer stärker. Die körperlichen Extreme werden immer schwerer, denke ich. Über 50% der Deutschen sind übergewichtig. Ich steige in eine Leipziger Straßenbahn. Hier gibt es 1,5er-Sitze, extra für adipöse Personen. Ich zähle Menschen, ungefähr jede zehnte Person in Deutschland erkrankt an Diabetes mellitus. Es gibt Prognosen, die besagen, dass sich diese Zahl bis 2030 ungefähr verdoppeln soll – 15 Millionen PatientInnen würden dann an Diabetes mellitus leiden, ein wahres Extrem, welches auf unsere Gesellschaft zurollt.

Diabetes mellitus wird zu einer Volkskrankheit, beziehungsweise ist es das schon. Volks-krankheit. In diesen Tagen Anfang November, in denen sich der Mauerfall zum 30. Mal jährt, erscheint dieses Wort manchen doch sehr zwiespältig. In einer brennenden Rede erinnert uns der Gastredner der Eröffnungsveranstaltung zur 13. Diabetes Herbsttagung, Dr. Friedrich Schorlemmer, in atemberaubender Weise an die Zeit vor 30 Jahren, und auch daran, dass wir nicht vergessen sollten, welches Glück uns durch unsere vereinigte, demokratische Bundesrepublik zuteil geworden ist. Deutsch sein, was bedeutet das? Spontan fallen mir Stichworte wie Bier, Bratwurst (hier liebevoll „Roster“ genannt) und Laugengebäck ein. Zum nachmittäglichen gezuckerten Kaffee wird ein ordentliches Stück Kuchen gereicht. Wenn ich so darüber nachdenke, rufen wir also praktisch dem Diabetes zu: „Hallo, Zucker, hier bin ich! Du bekommst mich sowieso, denn schnell weglaufen kann ich auch nicht mehr, nach jahrelangem Sitzen im Büro!“. Herr Nussbaumer nahm diesen Gedanken auch nicht den Wind aus den Segeln, als er über unser „WURSTBROT – Wurst und Brot im Diabeteskontext unter die Lupe genommen“ referierte. Jeder dritte Mann über 45 leidet in Deutschland unter einer Fettleber. Wir konsumieren zu viele Kohlenhydrate, während wir zu wenige davon wirklich benötigen. Unser geliebtes Laugengebäck, dem Jan Böhmermann letztens sogar eine eigene Hymne widmete, sei das schlimmste. Die Lauge neutralisiert unsere Magensäure, was für eine kürzere Verweildauer des Speisebreis im Magen sorgt, und dadurch den Blutzucker schneller in die Höhe treibt. Nicht zu verschweigen ist außerdem das fein vermahlene helle Mehl, welches die Backgrundlage bildet. Fehlende Ballaststoffe und eine schnelle Aufspaltung in unserem Darm sorgen dafür, dass wir nach dem Verzehr einen höheren Blutzuckerspiegel haben. Die enthaltene Salzmenge ignorieren wir hier mal. Wer jetzt denkt, wie gut, dass ich gestern im Bioladen zum Dinkelbrot gegriffen habe, sollte sich von dieser netten Vorstellung ebenfalls verabschieden. Obwohl Dinkelmehl dunkler ist, ist es fein vermahlen und soll kein Stück besser sein als weißes Mehl. Also, das nächste Mal bitte das Roggenvollkornbrot aus vollem Korn nehmen! Sauerteig wäre auch noch in Ordnung. Doch ist es mit der Wahl des richtigen Brotes schon getan? – Nein. Da soll ja noch etwas drauf. Aber der vegane Linsen-Curry-Aufstrich ist leer, was nun? Aus dem Regal nebenan lachen uns die Wurstverpackungen an. Doch stopp! Dadurch belegen wir unser Frühstücksbrot praktisch mit Diabetes. Erstmal erschwert das in Wurst enthaltene Nitritpökelsalz die Glucose-Aufnahme in unseren Muskelzellen. Hinzu kommen noch Phosphate, welche Insulinrezeptoren downregulieren sollen.

Wir sollten also bei unserer Ernährung zukünftig über den Tellerrand herausschauen und darauf achten, eine diabetespräventive Kost in die deutschen Küchen zu holen – mitten ins Leben.

Ireen Klemp

„Sie als Arzt lassen den Diabetes nach Feierabend bei der Arbeit, wir nehmen ihn mit nach Hause und müssen 24/7 damit leben und umgehen.“

Mit diesem Zitat einer Mutter eines betroffenen Kindes möchte ich meinen Beitrag einleiten, denn es begleitet mich schon seit geraumer Zeit und spiegelt einen häufig unterschätzten Faktor im Umgang mit dem Diabetes mellitus wider. Patient*innen mit Diabetes mellitus benötigen verschiedene Aspekte für die alltägliche Therapieumsetzung: umfangreiches Therapiewissen, ausreichend kognitive Fähigkeiten, Vertrauen in ihre Behandler*innen, Erfolge in der Therapie, eine innere Prioritätensetzung (die Therapie muss als wichtig empfunden werden) sowie ausreichend Kraft, Ausdauer und Frustrationstoleranz.

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Schnipp-Schnapp Diabetes ab – Kann eine Operation tatsächlich Diabetes Mellitus besiegen?

Eine Erkrankung, die allgemein als progredient und komplikationsreich bekannt ist, zu besiegen und dann auch noch durch eine Operation, obwohl es sich um eine systemische Erkrankung handelt? Das Alles klingt erst mal sehr weit hergeholt.

Tatsächlich ist dieser Ansatz aber gar nicht so neu, wie man zunächst denken mag: Tatsächlich wurde bereits 1925 publiziert, dass die Gastrektomie bei der peptischen Ulkuskrankheit (Leyton et al. Lancet) unmittelbare Auswirkungen auf den Glukosestoffwechsel hat.

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