Alles Kopfsache? Die Auswirkungen der zentralnervösen Insulinresistenz

Diesen November hatte ich zum ersten Mal das Vergnügen als Stipendiatin an der Herbsttagung teilzunehmen und habe schnell gemerkt, dass dies ein ganz besonderes Jahr war. Es gab gleich drei Dinge zu feiern:  Zum einen natürlich, sich wieder von Angesicht zu Angesicht unter 2G Bedingungen austauschen zu können. Andererseits aber auch 100 Jahre Insulin sowie (nachträglich) die Anerkennung von Adipositas als Erkrankung – was natürlich gerade im Hinblick darauf, dass die Tagung zusammen mit der DAG ausgerichtet wurde, ein Highlight war.

Unter diesen Gesichtspunkten ist mir ein Vortrag besonders im Gedächtnis geblieben, den ich hier gerne mit Ihnen teilen möchte: »Brain & Metabolism«, von Professor Werner Kern, Dr. Fenselau und Professor Tschöp.

Adipösen Patientinnen und Patienten wird immer wieder von der Gesellschaft, von Angehörigen und leider auch manchmal von medizinischem Fachpersonal vermittelt, sie müssten sich einfach etwas mehr „anstrengen“. Lebensstiländerung, mehr Sport, ausgewogene Ernährung… ist doch eigentlich ganz einfach. Nur Kopfsache, oder?

Und in der Tat ist es Kopfsache – im wahrsten Sinne des Wortes.

Studienergebnisse zeigen schon seit mehreren Jahren, dass Insulin nicht nur peripher, sondern auch zentralnervös am Gehirn wirkt. Bei normgewichtigen Personen kann Hyperinsulinämie Sättigung vermitteln und bei Männern wurde sogar eine Abnahme des Körpergewichts (insb. des Körperfettanteils) bei Gabe von intranasalem Insulin beobachtet, ihr Grundumsatz war gesteigert.

Diese Effekte konnten bei Menschen mit Übergewicht allerdings nicht reproduziert werden. Hier scheint es nicht nur peripher, sondern auch zentralnervös zu einer Insulinresistenz zu kommen. Der Grad dieser Insulinresistenz lässt auf den Effekt schließen, den eine Lebensstiländerung nach neun Monaten auf das Körpergewicht haben kann. Außerdem ist er ein Prädikator dafür, ob man in den nächsten 10 Jahren eher Gewicht zu- oder abnehmen wird. Kurzgesagt bedeutet das: Abnehmen ist für Menschen mit ausgeprägter zentralnervöser Insulinresistenz schwer, Zunehmen leicht. Es wird diskutiert, ob diese zentralnervöse Insulinresistenz von Müttern mit Gestationsdiabetes an die Kinder weitergegeben werden kann und damit für diese einen Risikofaktor darstellt, im weiteren Leben Adipositas zu entwickeln.

Die zentralnervöse Insulinresistenz ist im Übrigen nicht nur für den Diabetes und die Adipositas relevant. Auch bei Alzheimer-Patientinnen und Patienten konnte dies nachgewiesen werden. In Studien konnte gezeigt werden, dass eine intranasale Insulingabe bei diesen Betroffenen die Gedächtnisleistung merklich verbessert – bei Gesunden übrigens auch.

Also ja – Übergewicht ist vermutlich mitunter auch Kopfsache. Aber einem Erkrankten mit Alzheimer würden wir schließlich auch nicht sagen, er soll sich einfach mehr anstrengen herauszufinden, wo er seine Schlüssel hingelegt hat. Deshalb ist hier ein Umdenken erforderlich. So wichtig und förderlich Lebensstiländerungen sind, Adipositas ist mehr als nur „öfter mal die Treppe nehmen“.

Die Forschung orientiert sich durchaus auch in diese Richtung.  Duale GLP1/Glukagon-Rezeptor-Agonisten befinden sich derzeit in der klinischen Testung, ebenso duale GIP/GLP1 Agonisten, von denen vielversprechende Phase-3-Studien vorhanden sind. Auch Triagonisten (GLP/GIP1/Glukagon) werden vermutlich in den nächsten Jahren folgen, sodass wir den entsprechenden Patientinnen und Patienten dann immer effektivere medikamentöse Optionen als Alternative zur bariatrischen Operation und als Ergänzung zur Lebensstiländerung anbieten können.

In diesem Sinne ist meine Take-Home Message von diesem Kongress Folgende: 100 Jahre Insulin waren erst der Anfang!

Lea Kohlhund

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.