Adipositas – Prävention im Fokus

Laut Daten der WHO aus dem Juni dieses Jahres, sterben jährlich mehr als 2,8 Millionen Menschen weltweit an den Folgen von Adipositas und Übergewicht. Und das, obwohl mit einer frühen und effektiven Behandlung Folgeerkrankungen und Mortalität deutlich reduziert werden könnten. Als Angehörige der Gesundheitsberufe sollten wir deshalb bereits stärker in der Prävention ansetzen und unsere Patientinnen und Patienten sowie Kolleginnen und Kollegen für diese Problematik sensibilisieren.  

Dieser Thematik widmet sich derzeit ein interdisziplinäres Board im Rahmen der Ăśberarbeitung der S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“, aus der einige Punkte während der DDG-Herbsttagung vorgestellt wurden. Neu ist, dass hier neben Empfehlungen zur LebensfĂĽhrung und zur Individualprävention auch Aspekte der bevölkerungsbasierten Prävention einflieĂźen sollen. Unter anderem z.B. die Einhaltung der DGE-Empfehlungen zur Gemeinschaftsverpflegung in Kitas oder Betrieben sowie die öffentliche Förderung von körperlich aktiven Formen der Freizeitgestaltung (z.B. Schwimmbäder, Sportvereine). Während in den vorherigen Fassungen der Leitlinie hauptsächlich Ernährung und körperliche Bewegung als Risikofaktoren fĂĽr eine Gewichtszunahme im Fokus standen, könnten nun erstmals auch Faktoren wie zum Beispiel psychische Erkrankungen mehr an Bedeutung gewinnen. Diskussionsbedarf besteht aktuell auch bei der Frage, wie politisch sich eine Leitlinienempfehlung positionieren darf, etwa mit einer Empfehlung zur EinfĂĽhrung einer Steuer auf Softdrinks. Auch auf eine einfache Translation von der Leitlinie in die Praxis auf den verschiedenen Ebenen soll wertgelegt werden, etwa durch gezielte Angebote wie eine Patientenleitlinie, verstärkte Ă–ffentlichkeits- und Medienarbeit, aber auch durch eine Praxisleitlinie und politische Lobbyarbeit. 

Weiterlesen

Wie wir noch Vertrauen lernen müssen – Und warum das völlig okay ist

In diesem Jahr durfte ich, nach längerer (Corona-bedingter) Pause, endlich wieder vor Ort Reisestipendiatin in Wiesbaden zum Herbstkongress 2021 am 5. bis 6. November sein. Nachdem mir der Kongress in Berlin 2019 gut gefallen hatte, hatte ich mich entschlossen, mich erneut bei der DDG zu bewerben. Die Freude war groß, als im Oktober die positive Rückmeldung kam und für mich klar war: ich reise nach Wiesbaden und bringe mich vor Ort thematisch auf den neuesten Stand.

Ein Vortrag, dem ich unter anderem beiwohnte, galt dem Thema Digitalisierung und der Frage: „Dropoutrate bei Insulinpumpe/CGM: sind Merkmale dieser Patientengruppe schon erkennbar?“ von Frau Sandra Schlüter (Northeim). Da ich selbst Pumpen- und CGM-Trägerin bin und den Kongress auch explizit nutzte, mich auf der Messe über die neuesten Closed-Loop Systeme schlau zu machen, fand ich diese Frage durchaus interessant. Denn für mich ist ein Leben ohne Pumpentherapie mittlerweile undenkbar.

Weiterlesen

Kopf ĂĽber Bauch? – Unser Gehirn im Zentrum des Zusammenwirkens von Insulinsensitivität, Essverhalten und Körpergewicht

„Ohne Adipositasepidemie gäbe es keine Diabetes mellitus Typ 2 Epidemie.“ In Zeiten, in denen der Begriff „Epidemie“ fest im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert ist, wies dieser eindrückliche Satz von Professor Tschöp im Rahmen der diesjährigen Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Kooperation mit der Deutschen Adipositas-Gesellschaft e.V. (DAG) nicht nur auf die dramatisch steigende Prävalenz von Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 in der Weltbevölkerung hin, sondern öffnete außerdem ein komplexes Themenfeld rund um die Fragestellung nach Zusammenhängen zwischen Insulinresistenz, Adipositas und Essverhalten. 

Weiterlesen

Schlank und fit?

Schöne Menschen umgeben uns, wohin auch immer wir uns wenden. Sie sind schlank, makellos und äußerlich perfekt, sie lächeln uns von den Titelseiten der Boulevard-Blätter an, sprechen im Fernsehen zu uns und wecken ein Verlangen in uns. Der Traum von der guten Figur ist oft auch verknüpft mit dem Gedanken, an ein gesünderes Leben.

Adipositas ist eine Krankheit. Weltweit leiden mittlerweile mehr Menschen an den Folgen von Übergewicht als an Hunger. Und zu all den gesundheitlichen Einschränkungen kommt der gesellschaftliche Druck hinzu, der oftmals schwer auf den Menschen lastet. Sie werden stigmatisiert, vorverurteilt und ausgegrenzt. Auch unbewusst fallen wir alle in dieselben Denkmuster und müssen jeden Tag daran arbeiten, einander nach dem zu beurteilen was in uns steckt und nicht nach dem, was man uns von außen ansieht. Die Session „Stigmatisierung bei Adipositas und assoziierten Erkrankungen“ (moderiert von C. Luck-Sukorski und S. Clever) zeigte uns in beispielhafterweise, worauf Ärztinnen und Ärzte in ihrer täglichen Arbeit mit von Stigmatisierung betroffenen Patientinnen und Patienten achten sollten.

Weiterlesen

Happy Birthday, Insulin! RĂĽckblick, Ăśberblick und Ausblick ĂĽber die Insulintherapie in der Kinderheilkunde

Die erste Insulingabe am 11. Januar 1922 war eigentlich kein vollkommener Erfolg – die Ketonwerte blieben gleich und es gab einen sterilen Abszess. Am 25. Februar war es viel besser: das Insulin war rein genug, um die Glukosewerte bei Leonard Thomson zu senken und die Ketone verschwinden zu lassen.

Das Insulin hat viele Gesichter, sagt Professor Thomas Danne in seinem Vortrag zur „Insulintherapie in den letzten 100 Jahren“. Zum Einen ist es ein Lebensretter, zum Anderen aber ein Ziel des Immunsystems (als Autoantikörper) und somit auch vielleicht eine potentielle  Möglichkeit in der Prävention des Diabetes.

Weiterlesen

Konvex oder konkav?

Nach 7 Jahren Wartezeit und 6 ½ Jahren Medizinstudium (inklusive der Geburt von 2 Kindern) startete ich voller Tatendrang und Wissen in mein berufliches Leben in einer Diabetologischen Schwerpunktpraxis weit weg von zu Hause. Nach einer so langen Zeit mit Höhen, Tiefen, Generalwiederholung und einer Neurologieprüfung am Tag nach dem WM-Finale 2014 dachte ich, ich bin auf alles vorbereitet. Dann traf ich auf meine größte Herausforderung: Die Patientinnen und Patienten.

Ich bin kläglich gescheitert.

Weiterlesen

Ă„rztinnen und Ă„rzte als Grenze der Digitalisierung?

Seit Ende 2019 das Digitale Versorgungsgesetz in Kraft getreten ist, haben Patientinnen und Patienten den Anspruch auf digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs), welche von den Krankenkassen erstattet werden. Voraussetzung um als erstattungsfähige DiGA in einem Verzeichnis gelistet zu werden, ist das Durchlaufen eines Prüfverfahrens des Bundesministeriums für Arzneimittel und Medizinprodukte. Dieses Verfahren prüft nicht nur Produkteigenschaften und Datensicherheit, sondern auch den Nachweis eines positiven Versorgungseffektes. (https://www.bfarm.de/DE/Medizinprodukte/Aufgaben/DiGA/_node.html)

Weiterlesen

Interdisziplinäre Medizin – Eine win-win Situation?

Kardiale Erkrankungen bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz – Was ist anders in der Therapie? (Professor Marx, UK Aachen)
Zunächst geht Professor Marx auf das kardiovaskuläre Risiko bei CKD-Betroffenen ein, dies ist unabhängig davon, ob Diabetes vorherrscht oder nicht. Hier zeigt sich, dass das kardiovaskuläre Risiko in Bezug auf die Mortalität bereits ab einer GFR von 60 ml/min (also CKD 3) ansteigt. Weiterhin zeigen die Daten auch, dass dialysepflichtige Patientinnen und Patienten – im Gegensatz zur Normalbevölkerung – ein deutlich erhöhtes Risiko haben, eine Herzinsuffizienz zu entwickeln. Die genaue Pathogenese hier ist noch nicht genau geklärt. Bei der Herzinsuffizienz mit eingeschränkter EF steigt die Inzidenz je niedriger die GFR ist und je höher die Albuminurie ist. Daraus zeigt sich ebenfalls, dass Menschen mit einer Herzinsuffizienz und einer CKD eine schlechtere Prognose haben.

Auf dem ESC 2021 wurde die neue Leitlinie zur Therapie der Herzinsuffizienz mit eingeschränkter EF (HFrEF) vorgestellt. Aktuell sind vier Substanzen in der first-line Therapie, welche innerhalb der ersten 30 Tage begonnen werden sollte. Neben dem ACE-Hemmer, dem Betablocker und den Mineralokortikoid Rezeptor Antagonisten ist jetzt der SGLT2-Inhibitor fester Bestandteil der Therapie geworden. Die Grundlage für die Leitlinie waren große Studien, allerdings mit dem Problem behaftet, dass diese Studien Patienten mit einer fortgeschrittenen CKD ausgeschlossen haben. Nur bei Betablocker und ACE-Hemmern gibt es moderate Evidenz, dass auch bei CKD 3-5 die Prognose verbessert wird. Mineralokortikoid Rezeptor Antagonisten sind bei einer GFR 20 ml/min gut.

Bei dialysepflichtigen Patienten steigt das Risiko mit zunehmendem Alter  deutlich, an Vorhofflimmern zu erkranken. Das Problem hier ist, dass der CHA2DS2-VASc-Score bei CKD Patientinnen und Patienten nicht etabliert ist und dass Dialyse-Patienten ein erhöhtes Blutungsrisiko haben. Die zentrale Frage hier lautet: ”Muss ein dialysepflichtiger Patient mittels Marcumar antikoaguliert werden”? Unterschiedliche Studien dazu kommen zu gegenteiligen Ergebnissen. Es muss jedoch immer bedacht werden, dass Erkrankte, die eine Dialyse erhalten und zusätzlich Marcumar einnehmen, ein erhöhtes Risiko fĂĽr eine Calciphylaxie haben, die mit einer hohen Mortalität einhergeht. Zusammenfassend ist also nur eine individuelle Abwägung und keine allgemeine Empfehlung möglich.

Bei der Aortenklappenstenose gibt es nur eine Untersuchung, bei der eine TAVI bei Patienten mit CKD im Fokus stand. Hier zeigte sich eine deutlich erhöhte Mortalität nach TAVI bei Patienten mit chronischer Niereninsuffizienz unter Dialyse.

Insgesamt war der Vortrag sehr spannend und zeigte, dass in vielen Situationen die Therapie situativ angepasst werden muss. Professor Marx erwähnte in diesem Zusammenhang den großen Benefit seiner kardiologisch-nephrologischen Station, auf der ein gegenseitiger Austausch zwischen Kardiologie und Nephrologie die Patientenversorgung deutlich verbessern kann.

Walter Ballot

„Ich leide nie und habe eigentlich nie als Behandler gelitten“ – So kann der Umgang mit scheiternden Patientinnen und Patienten gelingen

Alexander Risse aus Berlin hielt einen fesselnden Vortrag zum Umgang mit Patienten, die sich nicht an die Therapieempfehlungen halten, am Beispiel des diabetischen Fußsyndroms in der Klinik. Dies tat er von zu Hause aus, denn durch einen unfallbedingten Beckenbruch bezeichnete er sich als „nicht transportfähig“.

Zunächst wies er auf das im Grundgesetz verankerte Recht auf Selbstbeschädigung des Patienten hin. Denn wenn sich der Behandler ĂĽber die Bindungswirkung des Patientenwillens hinwegsetzen wĂĽrde, wäre das Körperverletzung. Mit einem Auszug aus dem Buch „Was Therapeuten falsch machen – 50 Wege Ihre Klienten zu vergraulen“ von B. Schwartz und J. V. Flowers betonte er, dass direktives Verhalten gegenĂĽber resistenten Patienten das Problem verschlimmere. Fotos von blutigen FuĂźspuren in Patientenzimmern direkt nach der OP unterstĂĽtzten sehr eindrĂĽcklich das Zitat von G. Engels „Was belastet werden kann, wird belastet“. Dann sprach er das Prinzip der GegenĂĽbertragung des Scheiterns auf die Therapeuten an, welches in Ratlosigkeit, Entsetzen, Zynismus „Dick, doof, Diabetes“ oder Aggression mĂĽnden könne. Zum Schluss gab er Ratschläge wie Behandelnde auf medizinischer und menschlicher Ebene am besten Patienten mit Diabetischen FuĂźsyndrom betreuen sollten. Medizinisch verwies er klar auf die Leitlinien und gab ein paar Faustregeln mit. Vor allem mĂĽssten die Bretter am FuĂźende der Patientenbetten entfernt werden, um das Entstehen von Ischämiezonen durch Druck zu vermeiden. Menschlich wäre es besonders wichtig, keine AusdrĂĽcke der Militärmedizin, wie „Der Patient verweigert“ zu verwenden.

Weiterlesen

Diabetes mellitus – „Ein lebenslanger Marathon“

Der Diabetes mellitus ist durch seine vielfältigen klinischen Erscheinungsformen ein herausforderndes und gleichzeitig spannendes Krankheitsbild. Darüber hinaus bietet der Diabetes gute Ansatzpunkte in der Prävention und Früherkennung. Diesen beiden Aspekten kommt gerade in der allgemeinmedizinischen Praxis eine herausragende Bedeutung zu. Das ist für mich als Weiterbildungsassistent in der Allgemeinmedizin von großer Relevanz. Darüber hinaus findet sich ein Diabetes als häufige Komorbidität im klinischen Alltag. Das Stipendium für die diesjährige Diabetes-Herbsttagung der DDG war in meinen Augen die ideale Gelegenheit, einiges über die aktuellen Erkenntnisse und Entwicklungen in der Diabetologie zu erfahren. Ich möchte mich für diese Chance bedanken. Das vielseitige Programm und den kollegialen Austausch habe ich sehr geschätzt. Alle von mir besuchten Vorträge waren fachlich hervorragend und ansprechend aufbereitet. Ein spannendes Thema war beispielsweise das Therapiemonitoring mittels CGM-/AID-Technologien.

Weiterlesen